Eine Chronik im einstigen Darpatien, die vom Schicksal der Stadt Zweimühlen berichtet, dessen Geschichte in unruhigen Zeiten und einem grausamen Krieg beginnt.


Was bisher geschah:

Wir schreiben das Jahr 1033 nach Bosporans Fall. Durch die Legitimation durch die Kaiserin des Mittelreiches, Rohaja von Gareth, höchstselbst, erfährt der Städtebund um Zweimühlen mit der erwarteten guten Ernte eine neue Zeit der Blüte, des Aufschwungs und vor allem des Friedens. In der durch das Treiben des orkischen Kriegsfürsten Sharkush Morchai, die zivilen Unruhen in Gallys und den von Ucurian von Rabenmund und dem Falkenbund angeführten Zug der Fürstin aufgewühlten Wildermark erfährt die Stadtbevölkerung nur wenig von den Anstrengungen des Vogtes und seiner Gefährten, die den noch immer, wenngleich auch mit verminderter Härte geführten Krieg von den Toren Zweimühlens fernhalten.

Lediglich das Abwenden der Schlacht gegen Arnôd von Eulenberg und einen Heereszug des Falkenbundes vor Talf durch einen gemeinsamen Heerbann der Bundesgenossen blieb auch den Zweimühlenern nicht verborgen und so wurden die Heimkehrer unter großem Jubel empfangen, während Aruna aus Yeshinna, Eldrinn von und zu Rebental, Esra Erlenbach, Paske Wittgenstein und Wulfgar Nordfalk von Moosgrund noch zur selben Zeit dem aus dem Gallyser Umland aufbrechenden Zug Ucurians nachsetzten und der Bedrohung durch sein Bündnis im persönlichen Gespräch ein Ende setzten. Die Hintergründe und Inhalte sind, wie auch das Stattfinden dieses Aufeinandertreffens, nur den Teilnehmern selbst bekannt, aber der goldene Falke stellte nur wenige Tage später seine Bemühungen ein im Beisein seiner Tochter Swantje den alten Adel Darpatiens unter seinem Banner zu einen und zog sich in sein Heereslager zurück.

Ein großer Sieg für das junge Zweimühlen und der Beweis, dass das Bündnis auch unter der Androhung einer bevorstehenden Schlacht zusammenrückt und die Konfrontation mit den großen Kriegsparteien im Angesicht des Verlustes der eigenen Souveränität keinesfalls scheut. Auch Answin der Jüngere von Rabenmund und Praiodan Bernfried von Bregelsaum schlossen sich neben alten Bekannten wie Wulfbrandt von Rosshagen oder Junker Erlan von Dunkelstein-Schnattermoor auf den Feldern vor Talf den Verbündeten an. Zweifelsohne eine zeitlich und sicher nicht auf Dauer beständige Allianz, aber eine die beweist, dass Zweimühlen nicht nur für die Bewohner der Stadt und des Umlandes als ein Garant für die Stabilität des Herzens der Mark einsteht. Der erste große Schritt auf die politische Bühne und ein Leuchtfeuer, dass im einstigen Darpatien im Guten wie im Schlechten nicht unbemerkt bleiben wird.

Nur einigen Wenigen ist bekannt, dass auch die Helden einen hohen Preis für ihre Erfolge bezahlt haben. In den Wirren des Umsturzes in Gallys verlor Aruna ihr ungeborenes Kind durch das Gift auf der Klinge von Reto Ertzel vom Echsmoos, des bis zum damaligen Zeitpunkt amtierenden Barons der Stadt auf dem Artema-Berg, den sie selbst noch mit letzter Kraft niederzustrecken vermochte. Esra ist erschüttert von den Eindrücken der Gallyser Blutnacht, die sie selbst an vorderster Front durchleben musste, und der Nachricht von Arunas Verlust, ebenso wie ihre Gefährten. Von Wulfgar ganz zu schweigen, der erst im Zuge von Arunas tränenreichem Geständnis über ihren gemeinsamen Verlust von der Existenz des Kindes erfuhr. Nur die Zeit wird zeigen, ob und inwiefern diese hier gerissene Narbe zu heilen vermag.

Doch die Gefahr durch den Falkenbund ist gebannt, die Ernte steht an und die Baronien der Wildermark trachten danach ihre Kornkammern zu füllen, bevor der Winter seine weiße Decke über den Resten des alten Darpatiens ausbreitet. Bis die dunkle und kalte Jahreszeit heranbricht, hoffen die Zweimühlener noch auf einige geruhsame und goldene Tage unter Praios wachendem Auge.

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Nussschalen und Rohalskappen
Borkforst, 19. Travia 1033 BF

Rauschen erfüllte die Luft, ein leises Plätschern durchdrang den dünn bewachsenen Waldsaum des Borkfortes, immer wieder stieß der Beleman sanft durch die Kronen der Rotbuchen und Rosskastanien und tauchte den Wald in ein buntes Spiel aus fallenden, vielfarbigen Blättern. Der Boden war tief und feucht, der lange andauernde Regenfall der letzen Tage hatte den wenig Wasser führenden Knorrbach in einen munter sprudelnden und gurgelnden Bach verwandelt. Graf Hagen und Grimmerich standen ruhig nahe einer eng gewachsenen Baumgruppe im tiefen Sonnenlicht des noch frühen Tages. Zwischen dem Bachlauf und einem umgefallenen Baum ging Paske mit einem Tuchbeutel umher, der Blick war dabei auf den im leichten Nebel liegenden schattigen Boden gerichtet. »Es ist lange her dass ich Rohalskappen und Steinpilze gesammelt habe, es war wohl doch eine gute Idee mich auf einen kleinen Ausritt mitzunehmen, wobei du dabei sicher in erster Linie an die Sicherheit der Ländereien gedacht hast …« Er ging in die Knie um eine kleine Gruppe Pilze mit Hilfe eines kurzen, gekrümmten Messers einzusammeln und lachte scherzhaft auf »Ich hoffe wir vergeuden nicht zu viel Zeit mit dieser ungeplanten Ernte …«

Wulfgar zog begleitet von einem schmierigen Schmatzen seinen Reiterstiefel aus dem aufgeweichten Boden und ließ die Arme kreisen, während er die nach Harz, Regen und Moos duftende Waldluft genüsslich und mit tiefen Zügen in seine Lunge schwemmen ließ. Natürlich hingen in den Gassen Zweimühlens weder die Ausdünstungen hunderter Rinder noch die Wohlgerüche der wappenspendenden Schweine wie in Wutzenwald, aber die Luft unterschied sich dennoch merklich von allem, was der Wind so durch die Gassen der kleinen, von Leben erfüllten Stadt trug. »Wie kommst du darauf, dass ich eine Suche nach den Gaben der gütigen Göttin als Zeitverschwendung abtun könnte? Vielleicht haben wir ja Glück und finden einen wahren Waldmeister? Oder etwas Sauerklee, das bereichert jede Stulle mit Käse. Lediglich Pfeifenkraut bleibt uns hier wohl verwehrt.« Er schmunzelte und stapfte zu einer nahen Ansammlung von locker gestreuten Sträuchern, die wohl erst vor wenigen Monden damit begonnen hatten, sich aus dem Erdreich den Strahlen des Praiosmals, die durch die Wipfel brach, entgegenzurecken.
Seine Hand fuhr behutsam durch das Blattwerk und griff nach einem Stück des raschelnden rotgefärbten Schmucks, dass er sanft aus dem Gewirr löste und in seiner Handfläche begutachtete, ohne es von seinem Zweig abzutrennen. »Bluthasel … in meiner Heimat erzählt man sich, dass Ifirn sich in Zeiten der Not dem Leid der Tiere im tiefsten Winter erbarmte und versteckt, wenn der Blick ihres grimmen Vaters nicht auf ihr ruhte, einige Tropfen ihres Blutes in den Schnee fallen ließ, auf dass an genau dieser Stelle im kommenden Jahr ein neuer lebensverheißender Strauch sprießen sollte.« Er warf einen Blick zurück zu dem am Waldboden kauernden Magier. »Weißt du, Paske, wasdas Schöne an diesen Geschichten ist, die du jetzt gerade bestimmt im Stillen belächelst?«

»Himmel-Ork-und-Wolkenbruch!« entgegnete Paske fluchend, er erhob sich ruckartig wie von der Maraske gestochen, seine Miene war für den Hauch eines Augenblicks von Schmerz gezeichnet. Argwöhnisch betrachtete er seinen Zeigefinger und steckte ihn sich nach reiflicher Überlegung für einen Moment in den Mund um das aus dem kleinen Schnitt sickernde Blut zu saugen. Es dauerte nur wenige Wimpernschläge, bis der Halbelf wieder die Fassung zurückgewonnen hatte. »Wie meinen, ... ach ja, ... dass ein Funken Wahrheit in ihnen steckt, … man sagt ja auch die Weidener wissen zwar, wo dem Ork der Kopf abzuschlagen ist, aber sonst recht wenig von der Welt.« Er grinste leicht und betrachtete kurz seinen Finger und hob dann das Messer und die geschnittenen Rohalskappen vom Waldboden auf, um diese im Tuchbeutel sauber zu verstauen. »Nun etwas Zeit haben wir ja, um noch ein paar Schritte in den Wald zu gehen« Er deutete den plätschernden Bachlauf entlang in Richtung einer Anhöhe. Wulfgar zog fragend die Augenbrauen in die Höhe, ein verschmitztes Grinsen umspielte seinen Mundwinkel, während sein Blick Paskes Fingerzeig folgte. »Du bist wohl im Zorkforst noch nicht genug durch den Matsch gestiefelt, was? Aber was weiß ich einfältiger Weidener schon vom Leben außerhalb der vom Kaminfeuer gewärmten Mauern.« Obgleich er zugegebenermaßen nicht unbedingt der Richtige wahr, um vor dem Svelltaler seine Begabung als Wildniskundiger zu heucheln, belustigte ihn der Gedanke, dass es heute ausgerechnet den Magier nach einem Spaziergang im Wald verlangte, schätzte Paske doch nichts mehr als einen guten Wein und ausgezeichnete Lektüre in der warmen Stube. Vielleicht hatte sein Gefährte auch lediglich einen interessanten Zeitpunkt erwählt, um sich auf sein elfisches Erbe zu besinnen. Vermutlich tat er seinem Freund sogar Unrecht. Paske war nicht Eldrinn. Und dennoch schien er, dem Almadaner Magier nicht unähnlich, diese Seite von sich immer weit von sich zu weisen. »Und um meine Frage selbst zu beantworten, die du in Verweis auf eines unserer zahlreichen Talente abgebürstet hast: Das Schöne ist, dass Sie das Wirken der Götter in unserer Welt spürbar machen. Wer kann schon sagen, ob es wirklich so ist, aber allein der Gedanke daran, spendet Trost und Hoffnung. Deshalb bin ich auch ganz vernarrt in den Mond der Ernte. Anders als alle Orden, Titel oder Heldensänge ist das ein viel unmittelbarer Lohn für alle zurückliegenden Mühen und Anstrengungen.« Aufsteigende Gefühle der Bitterkeit und Kälte, die sich um sein Herz krampften, kämpfte Wulfgar nieder und verbarg sie sorgsam unter einem verklärten, abwesenden Lächeln, als er zu Paske aufschloß. »Pilze sammeln also?« Er legte einen lauernden, aber nicht unfreundlichen Unterton in die Frage, die er an seinen Gefährten richtete. »Ist es das, was den schwer beschäftigten Paske, der sich nur noch selten in der Grafenburg blicken läßt, dieser Tage so umtreibt?« Wulfgar stieß einen kurzen Pfiff aus und Socke, der gerade noch seine Schnauze in einem Kaninchenbau vergraben hatte, hob den schlammverschmierten Kopf und stellte, aufgeregt hechelnd die Ohren an. Er schien abzuwägen, ob er nicht lieber seinem Jagdtrieb nachgehen wollte und trottete dann, nach kurzem Zögern gemächlich an die Seite seines Herrn.

»Ach, dabei solltest doch gerade du dich dabei glücklich schätzen, oder ist dir im Moment etwa nach theoretischen Abhandlungen über die hochgradig komplexen und vielschichtigen arkanen Möglichkeiten wie man ohne einen Hammer einen Eisennagel in ein Brett schlagen könnte?« Feixend legt er ihm für einen Moment eine Hand auf die Schulter »Vielleicht finde ich neben den ganzen Gaumenfreuden auch einen seltenen Pilz, einer der mir das Repertoire an alchemische Rezepturen erweitert, ... warten wir doch einmal ab« Mit ein paar flinken Handgriffen verknotete er den halb gefüllten Tuchbeutel neben ein paar Beutelchen locker an seinem Gürtel, klopfte sich die schmutzigen Hände an der Robe ab und ging dann langsam voran. Ohne weiter ein Mann vieler Worte zu sein, ging er dann die Gedanken ordnend am Bachlauf entlang. Dabei balancierte er spielerisch Schritt für Schritt am steinigen wie schlammigen Rand des Wasserlaufes entlang, Unbekümmertheit lag in seiner Bewegung. »Und was mich beschäftigt, bei den Zwölfen mir war nur nach ein paar Stunden Sonnenlicht fern von allen Dingen, ... nicht das mich etwas bewegt oder Kummer umtreibt. Nur eben die Gedanken schweifen lassen, ... da musst du dir keine Sorgen machen. Und um ehrlich zu sein, muss auch nicht immer die ganze Grafenburg darüber informiert sein worüber sich zwei Freunde unterhalten ... in deiner Küche wird viel geredet.« Nach ein paar weiteren Schritten über den feuchten Grund blieb Paske dann wieder stehen »Aber vielleicht gibt es ja etwas das dich beschäftigt, ich weiß das Thema mag unangenehm sein, Esra erzählte ja schon, dass du eine mögliche Hochzeit in Aussicht hast, und auf der anderen Seite die Geschichte um Aruna, bei Rahja was für eine verzwickte Lage.«

Wulfgar schwieg und blickte Socke nach, der an einem aus dem morastigen Grund ragenden Ast zerrte, bis er ihn dem aufgeweichten Erdreich entrissen hatte und mit übermütigem Knurren triumphierend schüttelte wie einen frisch erlegten Hasen. Der Winhaller Wolfsjäger hätte durchaus auch vergeblich mit einer vom Regen freigespülten Wurzel rangeln können, von daher gönnte ihm der Weidener seinen Sieg, der ihm unter anderen Umständen sicher ein Lächeln entrungen hätte. Sein Gesicht war starr, wie eingefroren und ein Frösteln lief ihm den Nacken herab, als die klammen Hände seiner Erinnerung an der verriegelten Tür rüttelten, hinter der er die unzähligen, verwirrenden und aufwühlenden Empfindungen seit jenen Tagen im späten Ingerimm gesperrt hatte. Bilderfolgen blitzten kurz und gleißend vor seinem inneren Auge auf. Das Zelt, der Streit … seine Stiefel, die einen Schemen mit brutaler Wucht in die Knie zwangen, Schmerzen, flehende … brechende Worte … und der blanke Stahl in seiner Hand, der die jämmerlichen Klänge verstummen ließ. »Warum sollte es mir auch gleichermaßen vergönnt sein, meine Gedanken von derlei Unbill unbehelligt schweifen zu lassen …« seufzte er in aufgesetzter Gelassenheit, die seinen Ärger über die Frage nicht überzeugend zu verbergen vermochte. Nur ein Satz und er hätte die Diskussion fortgewischt … so wie alle anderen vor ihm. Aber er sprach ihn nicht aus, auch in der Furcht die schlummernden Geister zu wecken, die sich eingesperrt offensichtlich in ihr Schicksal gefügt hatten und schwiegen. »Ich bin mir nicht sicher, ob du von mir jetzt eine Antwort darauf erwartest, aber deine Einschätzung trifft den Nagel auch ohne Zuhilfenahme magischer Mittel auf den Kopf …« knurrte er unwillig und sein leerer Blick verlor sich im Dickicht, dass tiefer in den Wald wies. »Es gibt im Moment den Göttern sei Dank genügend andere Dinge über die ich mir den Kopf zerbrechen kann.« Seine Stimme klang hohl und von Müdigkeit gezeichnet. »Vielleicht kommt irgendwann die Zeit, in der wir uns wieder anderen Dingen als diesem lediglich ruhenden Krieg zuwenden können. Aber nicht jetzt.« Eine grimmige Entschlossenheit ergriff von seinen Zügen Besitz und er begegnete Paskes Blick mit einem kühlen Lächeln. Der junge Adept hielt dem Blick des Weideners ruhig stand, als würde er erst einmal eine weitere Reaktion abwarten. Das Unbehagen, das er durch sein Frage in Wulfgar offenbar auslöste, schien ihn für einen kurzen Moment zu verwundern, er seufzte kurz und erhob dann wieder die Stimme »Ich bin mir im Moment auch nicht mehr sicher ob ich eine Antwort möchte. « Die wenigen Worte klangen dabei etwas unsicher, er konnte wohl nicht abschätzen inwiefern ein ernsthaftes Gespräch in diesem Moment der unausgesprochene Angelegenheit Linderung verschaffen könnte. Mit gefassterer Stimmlage und einer versöhnlichen Wärme durchbrach er das unangenehme Schweigen.

»Verzeih wenn das Anrecht auf die Frage nicht verhanden oder der Moment falsch gewählt war.« Sein Blick löste sich wieder vom stolzen Krieger, der in diesem Moment eben wieder wohl seinen eigenen
Kampf für sich fechten wollte. Der Wind frischte in diesem Moment wieder auf, wie eine nicht greifbare Urgewalt stieß dieser durch die hohen Wipfel und fegte die noch wenigen Blätter vom Geäst der alten Bäume. Vereinzelte Verwirbelungen am Waldboden hoben die güldene Blätterpracht wieder vom Boden und trieben sie in die Höhe. Paske zog es wohl eben vor für einen Moment zu schweigen.

Wulfgar wusste nicht genau, ob es Bedauern oder sein schlechtes Gewissen war, dass in ihm aufstieg, aber er fühlte kein Verlangen danach sich jemandem zu öffnen, bevor er nicht mit Esra über seinen Verdacht hatte sprechen können. Jegliche Worte kamen ihm dazu ohnehin nur schwer über die Lippen, ja schnürte ihm der Gedanke daran sogar schon in einem Maß die Kehle zu, dass er fürchtete ersticken zu müssen. Er fürchtete den Moment, in dem er den Damm niederriss und das viele Ungesagte, was ihm auf der Seele brannte, entfesselte und es nur so aus ihm heraussprudeln würde. Alles würde zurückkehren … die Erinnerung, der Schmerz … die Machtlosigkeit … die Wut. So blieb ihm nichts anderes übrig als den Kloß in seinem Hals herabzuwürgen und sich in Schweigen zu hüllen. Nachdem Paske der malerischen Stille im herbstlichen Wald ebenfalls den Vorzug zu geben schien, richtete Wulfgar sein Augenmerk auf den im Schattenspiel glitzernden Bachlauf. Rechterhand und ein paar Schritt die Böschung hinauf, erspähte er einen immergrünen Strauch mit schätzungsweise fingerlangen Dornen und fahlweisen Beeren, der augenscheinlich sowohl den zunehmend kühleren Tagen also auch den weniger werdenden Sonnenstunden zu trotzen schien. Entgegen jeglicher Ansätze, bei denen man leichtfüßiger über die moos- und algenbedeckten aus dem gurgelnden Wasser emporragende Steine zum Überqueren des eiskalten Baches verwendet hätte, entschied er sich für den bei seiner Rüstung praktikabler wirkenden Ansatz. Er stapfte direkt durch die zahme Flut, die seine Stiefel umspülte und sich durch den vom Leder gewaschenen Schlamm in Flussrichtung verfärbte. Er griff nach der freigelegten, kräftigen Wurzel eines nahen Baumes und erklomm schnaufend den sanften Anstieg, der ihn das Gewicht der stählernen Platten abermals spüren und dauern ließ. Vor dem Gewächs ließ er sich auf das linke Knie sinken und legte den Kopf schief, während er den Strauch betrachtete, der sich so auffällig von dem umliegenden Gestrüpp unterschied. Er zog den Dolch aus der Scheide, ließ aber die führende Rechte noch auf den matt glimmenden Beintaschen auf seinem Oberschenkel ruhen. »Paske?« rief er in der Erwartung, dass ihm der Magier noch nicht durch den Bach gefolgt war, gegen das Plätschern des Wassers an.

Dem Ruf nach seinem Namen folgend setzte Paske über und stolperte dabei mehr schlecht als recht über die rutschigen Steine im Bachbett »Ja, was ist?« Nichts ahnend positionierte er sich im Rücken von Wulfgar. Sein Blick fiel erst ein paar Atemzüge später auf den Busch, vor welchem der Weidener nun kniete, gar an die zwei Schritt dürfte dieser Segen der Natur aufragen. »Na, sieh einer an, wenn ich mich nicht täusche, ist das ein Satuariensbusch, ein echter Glücksfund Wulfgar, dieser Strauch birgt bei Hesinde wohl auch mehr Geschichten und Weisheit als man glauben mag.« Auf seine lobenden Worte folgte ein Schmunzeln. »Er soll böse Geister, Wiedergänger und sogar Dämonen fernhalten.« Er deutete auf Früchte und das Blattwerk des Strauches. »Ich schlage vor wir nehmen uns einen Augenblick und sammeln eine handvoll Blätter und Früchte, ein Aufguss damit kann vor Krankheiten schützen - ein wahrer Segen der Herrin Peraine in den kommenden kalten Tagen.«

»Meinertreu ...« Wulfgar ließ einen kurzen anerkennenden Pfiff zwischen seinen Lippen entweichen, während sein Blick an dem Strauch emporkletterte. »Ein Satuariensbusch ...« wiederholte er fast andächtig und in fester Absicht, sich das neu errungene Wissen einzuprägen. »Lass mich raten. Es gibt keine Möglichkeit diesen eigenhändig irgendwo anzupflanzen? Sonst pflanze ich davon eine ganze Hecke um die Grafenburg und verteile getrocknete Beeren vor den namenlosen Tagen an alle, die Schutz in und um die Mauern von Zweimühlen herum gesucht haben.« Natürlich dachte er an die Nächte des Schreckens, die sternlose Finsternis in welcher der Finstermann wiedergekehrt war. Die letzte ... jene Nacht, in der ... Wulfgars Gedanken kamen ins Stocken, sein Herzschlag nahezu zum Erliegen.
Warum hast du es mir verschwiegen, Aruna ... .

Gedankenverloren wog er das Messer in seiner Hand, hoffte das Paske ihm nicht soweit zugewandt stand, dass er in seinem Gesicht zu lesen vermochte. Seine Maske war sein Schild, seine Wehr ... »Die Geister, die Dämonen und Wiedergänger ... was von diesem Busch hält sie fern?« murmelte er mit verräterisch gepresster Stimme, die mühsam die Worte in die Kühle der herbstlichen Luft schob.

Paske fuhr sich mit den Fingern der freien Linken grüblerisch über das glatte bartlose Kinn. Mit der rechten Hand den Blutulmenstab fest umschlossen stützte er seinen Körper leicht auf diesem ab um hier
an der ansteigenden Böschung sicheren Halt zu finden. »Ein Geistesblitz, der nicht abwegig erscheint, wenn das Frühjahr naht, könnten wir es versuchen, dein Talent bei der Feldarbeit wird da sicher Gold wert sein. Und genau zu bestimmen welcher Teil für diesen Schutzbann verantwortlich ist, fällt mir im Moment etwas schwer, ich würde jedoch die Vermutung aufstellen, dass ein hoher Grad an abschirmender Kraft im Gehölz dieses Strauches innewohnt. Wenn wir wieder zurück in Zweimühlen sind, kann ich gerne dazu den ein paar Schriften zurate ziehen. Vielleicht sollte ich aber auch eine grobe Analyse vor Ort durchführen.« Sein blauen Augen wanderten wieder zu Wulfgar, die Anspannung nahm er sichtlich wahr. Er atmete einmal tief durch »Willst du mit mir darüber sprechen?« Er fixierte Wulfgar, wohl wissend dass was auch immer hinter den Worten des Kriegers verborgen lag, sicherlich ein Gespräch alleine nicht zu lösen vermochte. Es wäre aber dennoch zumindest ein Anfang.

Der Weidener ließ ein freudloses Schmunzeln über seine Mundwinkel huschen. »Über die Analyse? Nein, ich denke ich vertraue auf die erste Einschätzung des gelehrten Herrn.« Seine im Lederhandschuh steckende Rechte begann sorgsam das auch hier den Waldboden bedeckende Laub um den schlanken Stamm des Busches herum beiseite zu schieben und er zog aus dem bunten Durcheinander einige wenige kurze, augenscheinliche von passierenden Waldtieren abgebrochene Zweige, an denen nur noch einige verschrumpelte Beeren und bereits verdorrte Blätter hingen. Dann schob er mit seiner rechten Hand behutsam die unteren Zweigreihen des Busches empor und suchte den Stamm nach weiteren angerissenen oder bereits abgeknickten Zweigen ab. Wulfgar wirkte fokussiert, ja entschlossen und Paske hatte gar den Eindruck, als hätte sich sein Ausdruck in Anbetracht der neu gefundenen Aufgabe merklich erhellt und die kurze Düsternis verbannt. Als er das Messer an einem abgeknickten Ast ansetzte, setzte er zu einem kurzen Reim an, der jeden seiner sorgfältigen Schnitte begleitete. »Gütige Herrin, Mutter der Saat … dir zu Ehr und Lob … es ist kein Pfad der Welt so steil, dass ihn nicht Blumen schmücken … nur das bleibt unser eigener Teil, dass wir sie dann auch pflücken …« Mit einem zufriedenen Lächeln befreite er den abgetrennten Zweig aus der Umklammerung der umliegenden Äste und begann ihn von den verbliebenen Blättern und Beeren zu befreien, die er vorsichtig in seinem, am Gürtel getragenen Saatbeutel verstaute. Dann raffte er das erbeutete Holz zusammen, ließ sich auf einem moosbedeckten Stein nur einige Schritt von dem Satuariensbusch entfernt nieder und breitete die Holzstücke auf seinem Knie aus. Das Messer versenkte er im weichen Boden neben seinen Füßen und zog aus einer seiner Gürteltasche eine kleine, grob geschnitzte Holzfigur hervor. Einen kleinen, etwas zu kurz geratenen Krieger oder Ritter in Rüstzeug, der den Griff seines klobigen Schwert an seine Brust gedrückt hielt, wie Paske schien. Der Blick des Hünen lastete für einen Moment fast liebevoll auf dem kleinen Schnitzwerk, dann beschlich Paske das Gefühl, dass Wulfgar dem Blick aus den kleinen hölzernen Augen nicht länger standhalten konnte, als er sich wieder den Zweigen zuwandte und die Figur neben dem aus dem Boden ragenden Messer, das er jetzt wieder hervorzog, auf das Laub bettete. Dann machte er sich daran die gesammelten Zweige zurechtzustutzen.

Wortlos, schweigend und nachdenklich saß er da und vertiefte sich in seine Arbeit. Und obwohl sich Paske der Sinn der Handlungen seines Gefährten nicht zur Gänze erschloß, war er sich dennoch sicher gerade Teil eines bedeutsamen Momentes für den Krieger geworden zu sein. Ohne lange zu zögern, gesellte Paske sich zu seinem Gefährten und machte es sich neben Wulfgar nahe des Steines auf einem entwurzelten Baumstamm gemütlich. Dabei wählte er seinen Platz so dass das ansteigende Praiosauge seinen Sitz mit wärmenden Strahlen erhellte. Neugierig verfolgte er die Zeremonie, welche eben noch in einer frühen Phase zu stecken schien. Da nun wohl ein Umstand der Ruhe und eine erste erholsame Pause vorgesehen war, fischte Paske ganz in Manier eines Lebemann seine langstielige Holzpfeife hervor, stopfte diese mit mildem methumischen Tabakkraut und fing an genussvoll zu schmauchen. In beständigen Abständen hingen nun dichte Rauchschwaden in der Luft, welchen ein würzig-süßer Duft anhaftete. »Was soll das werden, willst du da eben etwa aus den dünnen Zweigen einen Talisman flechten?« In seiner Stimme klang weder Spott noch Belustigung, es war der offene und freundliche Ton von jemandem, der seinen Gegenüber verstehen wollte.

»Einen Kranz, um mein wallendes Haar zu bändigen…« gab Wulfgar scherzhaft zurück, ohne innezuhalten oder seinen vertieften Blick von seiner Arbeit zu heben. Immer wieder hielt er die dünnen Holzstücke vor das fahle Licht, dass durch das Blätterdach schimmerte und schien deren Länge abzumessen. Wenn nötig, griff er wieder zu seinem Messer und die überschüssigen Reste der kurzen Stücke mischten sich unter das niedergetretene Laub um seine schlammverspritzten Stiefel. Ein zufriedenes Grunzen verkündete das Ende seiner Schnitzarbeit, aber das, was er dort auf seinem Schoß lose sammelte, glich eher den Teilen einer winzigen, vom tosenden Augrimmer umgewehten Palisade. Er fischte nach kurzem Kramen ein Knäuel Zwirn, das er sonst wohl für die gröbsten Ausbesserungen an seinen Gewändern auf der Reise zu nutzen pflegte, aus den offenbar unerschöpflichen Untiefen seiner Gürteltaschen und begann die Hölzer kleinteilig und stellenweise etwas umständlich zu umwickeln. Die Minuten verstrichen, ohne das Wulfgar ein weiteres Wort verlor. Ungewöhnlich genug für den sonst so geselligen und redseligen Krieger aus Baliho, aber sein Gesicht strahlte eine Ruhe und Friedlichkeit aus, die Paske so bei seinem Begleiter noch nicht bewusst wahrgenommen hatte. Dennoch spürte er, und wenn es nur das leichte Zittern der Finger des Recken war, dass dem Magier verriet, dass Wulfgar gegen etwas ankämpfte. Als er den Garn wieder verstaute, tauchte die Glut des sich am Horizont herabneigenden Praiosmals den Wald in ein feuersattes Farbenspiel, dass sich an den zahllosen Rot- und Gelbtönen der Baumwipfel, der fallenden und bereits gefallenen Blätter labte und mit diesen zu einer glühenden Pracht verschmolz. Wieder erkannte der Lowanger die Erschöpfung und Kraftlosigkeit, welche die bartumrahmten Züge des Zweimühlener Vogtes ausstrahlten, als sich sein Blick zwischen den umstehenden Bäumen verlor, in unbekannte Ferne starrend. »Früher, als ich noch ein kleiner Knirps war, der seiner Schwester überall hin folgte, haben wir manchmal Nussschalen am seichten Ufer in den Pandlaril gesetzt und sind ihnen, soweit wir konnten, nachgelaufen.« Das ferne glucksende Lachen von Kindern hallte durch seine Erinnerungen. Wie die Stiche dutzender winziger Dolche, die jede Stelle seines Körpers fanden, der nicht mit mattem Stahl bedeckt war. »Wir haben uns immer gefragt, ob es an der Mündung des Flusses bei Trallop wohl jemanden gab, der sie alle herausfischen würde, bevor sie auf den Neunaugensee hinaustrieben. Ardariel hat gemeint, dass die Fischer eines Tages von einer neuen Insel im See erzählen würden, die über und über nur aus den Nussschalen der Kinder entlang des Pandlaril bestehen würde.« Ein bitteres Lächeln schlich sich auf Wulfgars Lippen. »Sie hat mir versprochen, dass wir eines Tages mal dorthin rudern würden, wenn sie erst das Ungeheuer im See selbst bezwungen hätte.« Er schluckte schwer. »Damals haben wir noch die Ungeheuer gefürchtet … die Drachen … die Oger … Riesen und Dämonen.«

Er richtete sich auf und seit langer Zeit begegnete sein Blick wieder dem seines Begleiters. Tiefer, unausgesprochener Schmerz spiegelte sich in seinem im Leuchten des Waldes dunkel glühenden Augen. »Kein Ungetüm … keine Sagengestalt … hat mir jemals diese Schmerzen zugefügt. Ein Leben, das erlischt, bevor es sein Licht in unsere Leben werfen kann, hinterlässt Dunkelheit in meinem Herzen … Leere, Schwärze … die kein Feuer erhellen kann.« Er bückte sich nach der kleinen Holzfigur, die dort im Moos noch auf dem Stein lag und drehte sie nachdenklich zwischen seinen behandschuhten Fingern. Paske schluckte schwer, all die klugen Worten und Ratschläge, die sonst in seinem Kopf kreisten waren wie fortgeweht, und selbst wenn er sie zu fassen bekommen hätte, welchen Sinn würden sie ergeben? Diese Offenbarung ließ einen Kloß in seinem Hals anschwellen. Nur langsam setzte er an, seine Worte waren leise und er kam ins Stottern. »Ich, ... ich, ... du, ... du« Es war ihm anzumerken, dass er sich hilflos fühlte. Was sollte er nur sagen oder tun? Was konnte er tun, konnten seine Worte doch niemals dem Leid und Verlust Wulfgars in irgendeiner Form gerecht werden. So erhob er sich und trat an Wulfgars Seite, seinen rechte Hand legte er dabei vorsichtig auf die Schulter des Kriegers, er wollte ihm in diesem Moment keine Umarmung aufzwingen, also ließ er diese dort trostspendend ruhen. Er setzte abermals an und zwang alles, was er an Kraft aufzubringen vermochte in seine Stimme. »Ich bin und werde für dich da sein, mein Freund. In jeder Form in der ich dir meine Hilfe angedeihen lassen kann. Meine Vorstellungen können sicher nicht den Schmerz fassen welcher durch deinen unglaublichen Verlust in dir brennt. Also sprich mit mir, wenn du kannst und teile deinen Schmerz.« Wulfgars nickte langsam, während sich seine Schultern mit dem tiefen Atemzug, den er nahm um sich zu sammeln, hoben und senkten. Aus seinem schwachen Lächeln sprach die Dankbarkeit für Paskes Worte. »Wie viel tiefer muss der Schmerz noch bei Aruna brennen … wie viel dunkler noch die Finsternis, die Leere … in ihr selbst sein. Und ich kann ihr nicht die Hilfe zuteilwerden lassen, die sie braucht, weiß ich doch kaum selbst wie ich das Loch in meiner Seele wieder aufschütten kann.« Sein abwesender Blick schien aus den Erinnerungen, in denen er geschwelgt hatte, zurückzukehren und richtete sich auf die kleine Ritterfigur. »Ich habe keine Ahnung, ob sie einen Junge oder ein Mädchen unter ihrem Herzen getragen hatte, aber es erschien mir naheliegend, dass sie einst wie wir eine Rüstung getragen hätte.« Er rang hörbar mit den Worten, die sich über seine Lippen quälten. Seine Augen schimmerten glasig. »Verstehst du, ich wusste nicht einmal, ob ich einen Jungen oder ein Mädchen schnitzen sollte … ich wollte mir vorstellen, wie es wohl gewesen wäre … noch Stunden nach meinem Streit mit Aruna saß ich brütend in einem Wäldchen vor Talf und versuchte nach den unzähligen Momenten zu greifen, die man uns genommen hatte. Splitter dieser Zukunft aufzuklauben, zusammenzustecken und mir auszumalen, was wohl gewesen wäre, wenn …« Er verstummte und schloß die Augen. Sammelte sich für einige Augenblicke, bevor er sie wieder aufschlug. »Ich kann Aruna nicht heilen, keiner kann das. Und manchmal frage ich mich, ob ich überhaupt einen Anrecht auf diesen Schmerz habe, da ich doch selbst das neue Leben niemals an meiner Brust,auf meinem Arm spüren durfte … dass ich nicht einmal geahnt habe, dass zwei Herzen nun in Aruna schlugen, wenn wir beisammen lagen. Sie hat es gespürt, gefühlt, wie es wächst … das kleine, unschuldige Leben.« Seine Stimme stockte.

»Aruna hat es gewusst, Esra hat es gewusst … nur ich in meiner übersprudelnden, unbedarften Art habe weder die Zeichen erkannt noch das Geringste geahnt. Und jetzt fühlt es sich an, als hätte jemand ein großes Stück aus meinem Herzen geschnitten. So viel, dass ich gar nicht weiß, wie es möglich sein soll, das es immer noch schlägt.« Wulfgar legte die um die Holzfigur geschlossene Hand auf seine linke Brust und senkte den Blick. »Weißt du, Paske, mein Schwertmeister hat mich immer gewarnt, dass ein einziger ungezielter und die schützenden Ketten durchbrechender Pfeil, der im Zufall mein Herz durchbohrt, mein Leben beenden kann. Hier und jetzt … Vom einen auf den anderen Wimpernschlag … Das hier fühlt sich so an.« Er pochte mit der Faust gegen den matten Harnisch seiner Rüstung. »Aber ich stehe noch. Weil es alle von mir erwarten. Weil Zweimühlen und die Wildermark uns brauchen. Doch dieser niederhöllische Schmerz … er bleibt. Und in jedem Moment der Einsamkeit, Ruhe oder Rast wird er stärker. Wenn ich in Arunas Augen blicke … wird er stärker. Wenn ich Kinderlachen durch die Straßen hallen höre … oder mich in Erinnerungen flüchte …« Er brach ab, sein Gesicht verzerrt vom Kampf gegen die Tränen, die ihm in die Augen stiegen. Unvermittelt fasste sich der Weidener wieder und zog in einem trotzigen Aufbäumen seiner ruppigen Art die Nase hoch. Ein Teil der Düsternis schien von ihm abzufallen, als er auf der geöffnete Linken das kleine Floß wog und die Ritterfigur sanft, fast zärtlich in dessen Mitte bugsierte. Er flüsterte beinahe, als er mit kraftloser Stimme das nur von den Geräuschen des Waldes durchspülte Schweigen durchbrach.

»Ich … konnte nicht einmal Abschied nehmen. Von unserem Sohn … unserer Tochter, als sie … oder er die Reise über das Nirgendmeer antrat. Aber ich habe die Hoffnung, dass er … sie es hören … oder spüren kann … wenn ich unseren kleinen Ritter dem Bachlauf übergebe, dessen hüpfende Wellen ihn in den ewigen Schlaf schaukeln sollen …« Unerwartet durchbrach ein warmes, hoffnungsvolles Lächeln seine grüblerische Ernsthaftigkeit, dass ihn in diesem Moment nicht weniger verletzlich wirken ließ, aber von seiner tiefen Entschlossenheit kündete. »Geschützt vor Geistern, düsteren Träumen und der Angst. Etwas, dass unser Kind wissen läßt, dass wir da sind und eines Tages zu ihm zurückkehren werden.« Paske löste seine Hand wieder von Wulfgars Schulter und sein Blick glitt zu dem sich friedlich durch sein abgesunkenes Bett schlängelnden Bachlauf. Er begleitete Wulfgars Worte dann und wann mit einem beipflichtenden Nicken und schien, andächtig in den geweckten Gedanken versunken, zu begreifen. »Dann soll es so sein, ... lass uns an diesem Tag, in dieser Stunde einen Anfang wagen um den Schmerz verblassen zu lassen. Und lass uns ehren und behüten was war und sein wird ... der Gedanke an das Kind, ein Geschenk der Götter ...« Seine Stimme war leise und einfühlsam. »Ich bin mir sehr sicher, dass aus deinem Kind ein großer Kämpfer geworden wäre.« Die Sätze fielen ihm sichtlich schwer und krochen nur zögerlich über seine Lippen, während er damit rang den Frieden dieses stillen Momentes jetzt nicht mit unbedarften, unbedachten Äußerungen zu stören. Soll doch nun der Anfang gewagt werden, dass die fürchterlichen Ereignisse um diese Tragödie vergehen … ja, langsam verblassen können. Er ging ein paar Schritte und lauschte in das Rauschen des Baches. Die gesammelten Rohalskappen in seinem Tuchbeutel waren schon längst in Vergessenheit geraten. Ein Geschenk der Götter, wiederholte Wulfgar nachdenklich in seinem Geist. Ja, das und nichts anderes war ihr Kind wohl gewesen. Er hob sein Haupt und blickte durch eine der ungezählten Lücken in den Baumkronen, die sich im Wind wiegten und durch die das von den vorherrschenden Rottönen verfärbte Blau schimmerte, himmelwärts. Insgeheim wünschte er sich, dass die Zwölfe ihm eines Tages eine Antwort auf seine drängendste Frage geben würden, aber er war sich bewusst, dass sie ihm keinerlei Rechenschaft schuldeten … nur warum hatten sie ihnen dieses Geschenk wieder genommen? Ihm diesen Teil seines Herzens herausgetrennt … gerissen? Seinen Verstand mit Hilflosigkeit und Trauer gelähmt? Ja, ihn sogar zornerfüllt zweifeln lassen … Er wusste es nicht, verstand es nicht … würde es wahrscheinlich niemals erfahren … Aber im Tode gab es nur eine Gewissheit. Dass alles, jeder Funke, endlich war.

Ihm blieb nur seine eigene Vermutung davon, was die Zwölfe ihm vermitteln wollten. Aber alles davon konnte seinen Geist, seine Entscheidung in diesem Moment weder eintrüben, noch das sanfte Lächeln
von seinen Zügen vertreiben, das liebevoll auf dem kleinen Floß in seinen Händen ruhte. Noch, geliebtes Kind, bleibt es mir verwehrt dich kennenzulernen, aber es gibt etwas … einen Abdruck davon, wer ich
bin, den ich dir mit dem Flüstern der Fluten schicken kann. Ganz gleich, wie weit du von uns entfernt bist. Damit du weißt, wie gerne ich dir der Vater gewesen wäre, der einst mein Vater für mich war. Grüße Avon herzlich von mir. Er ist … war ein hervorragender Geschichtenerzähler und so hoffe ich, dass du eine Ewigkeit auf seinem Schoß in seiner Umarmung verbringen kannst, während du seinen Geschichten über die Orte lauschst, die auch dir eine Heimat gewesen wären. Und irgendwann … Wulfgar schlug die Augen nieder und ließ seinem Blick dem Bachverlauf folgen, bevor er sich im Gestrüpp und Dickicht stromabwärts verlor … komme ich nach und bringe neue Geschichten mit.

Verstohlen verdrückte er sich eine Träne, die sich zwischen seinen Lidern auf seine Wange geschlichen hatte und nickte Paske zu, der selbst grübelnd und ergriffen am Rand der Senke stand, durch die sich der Knorrbach seinen Pfad durch den Wald gegraben hatte. Dann begann er vorsichtig Schritt um Schritt mit dem Abstieg, um sein spätes Geschenk den wispernden, glucksenden Fluten zu übergeben.
Session: Herbstliche Ehren - Monday, Nov 13 2017 from 10:00 AM to 2:00 PM
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Epic!
Nachspiel: Die Wutz im Walde
Nach dem finsteren Finale am Weiher im Wutzenwald trieben Wulfgar, Paske, Eldrinn und Esra die von der Seuche befreite, und von Paske mittels Balsam geheilte Mutter Schwein weg vom Einfluss und aus der Reichweite der Schwarzen Eiche. Einzig das wütende Knarzen der gewaltigen Äste des Arkhobala blieben zurück und mahnten die Helden an, dass in den Wäldern der Wildermark noch so manches Übel sein Unwesen treiben mag.

Mutter Schwein erholte sich alsbald fern der Schwarzen Eiche und als wortlosen Dank erschienen einige Dutzend, von der Seuche verschont gebliebenen Wutzen aus den Tiefen des Waldes, die die Helden in das Städtchen Wutzenwald zurück begleiteten, wo nun, etwas verspätet, doch sehr zur Erleichterung der Bevölkerung, schließlich doch noch "die Wutz durchs Dorf getrieben" werden konnte. Zwar lag der Schatten der dämonischen Präsenz aus der Macht Balphemors von Punin wie ein bitterer Beigeschmack über den Geschehnissen, doch für den Moment war der Tag, und Wutzenwald, gerettet.

Wutzenwald wird zweifelsohne einige Zeit benötigen, um sich von den Auswirkungen der Seuche zu erholen, doch die Heilung Mutter Schweins sorgt dafür, dass auch in Zukunft noch prächtige, fette Wutzen in Wutzenwald gedeihen.

Der Pfleger des Landes sprach den Helden seinen ausdrücklichen Dank aus und überreichte Wulfgar feierlich ein Säckchen geweihten Saatguts als Entschädigung für die durchlittenen Mühen.
Wenn die Helden dem Saat- und Schlachfest in Wutzenwald beiwohnen möchten, so sind sie im Namen des Pflegers des Waldes herzlich dazu eingeladen.


Falls die Helden sich der Bevölkerung Wutzenwalds als "die Helden von Zweimühlen" offenbaren, führt dies in möglichen zukünftigen Situationen dazu, dass die Bewohner Wutzenwalds ihnen wohlgesonnen sind - was nicht zwingend der Einstellung der Regierung über Wutzenwald entsprechen mag.

Was nun bleibt ist die Bedrohung, die definitiv noch von der Präsenz des manifestierten Arkhobals im Wutzenwald ausgeht.
Solange sich niemand dem Einfluss der Schwarzen Eiche nähert, ist Wutzenwald sicher, doch wer weiß schon, wann sich die nächste Wutz oder der nächste Mensch zu nahe an den verwunschenen Weiher wagt?

Abenteuerpunkte: 150 (125 +25 für die Heilung Mutter Schweins von der Seuche).
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Ulf
In den Klauen des Falken Pt. II

Während Esra noch rückwärts taumelt und gleichzeitig das Bild und Röcheln der sterbenden Magd verdrängt und ihre eigenen Optionen überschlägt, löst Alandra den Schild von ihrem Rücken und lässt ihre Hand in einer schnellen verinnerlichten Bewegung in die dafür vorgesehene Lederschlaufe rutschen. Aus der Deckung reisst sie den schlanken, gefährlich blitzenden Reitersäbel aus der Scheide. Keine Sekunde zu früh, gleitet sie mit einer einstudierten Schrittfolge in die Halbdeckung des vertieften steinernen Türrahmens, während sie Swantje mit einem harschen Wink ihres Schildarmes bedeutet den Kopf unten zu behalten. Anders als vermutlich die wahre Swantje kauert sich diese hinter den niedrigen Badezuber und presst sich eng und verzweifelt in die spärliche Deckung. Getragen vom Lärm des Kampfes in seinem Rücken wirft sich ein das Gewand der Dienerschaft tragender tief sonnengebräunter Mann mit langen blauschwarz schimmernden Haaren gegen Türklinke und Holz und stürmt vorwärts, das kurze Schwert in seiner Rechten zum Hieb erhoben. Sein Blick ist starr auf Esra gerichtet, die in wenigen Schritt Entfernung noch im Eingang steht, die angriffsbereite Alandra und ihren weit ausholenden Schwung mit dem Säbel bemerkt er zu spät.

Nahezu mühelos schneidet sich die geschwungene Klinge durch den dünnen Stoff seines Gewandes und das Feuer in seinen Augen erlischt, während der dünne Schnitt Blut auf den steinbelegten Boden erbricht. So viel Blut ... dann hebelt ihn die vorschnellende Kriegerin mit einem wuchtigen Schildstoss zurück und lässt ihn gekrümmt und schreiend die Hände auf die sprudelnde Wunde gepresst gegen die gegenüberliegende Wand klatschen, an der er aus einem zweiten von Esra nicht wahrgenommenen Schnitt am Hals gurgelnd herabsackt. Ein zweiter dunkler Schemen schiebt sich halbseitig zu Alandra in den offenen Türrahmen, aber Esras Schrei der Warnung bleibt ihr im Halse stecken, als ihn ein heranstürzender, weitaus größerer und massiverer Schatten mit einem brutalen Ellbogenstoß gegen die Wand neben der Tür krachen lässt. Mit einem furchteinflößenden Rauschen folgt der andere Arm und der damit geführte Morgenstern und schlägt mit dem Geräusch eines Hammers, der auf einen Amboss niederfährt, gegen den Stein. Und durch das, was sich einen Moment zuvor noch davor befand. Ein blutiger Regen geht auf den bulligen Hünen nieder und zeichnet grausige Muster auf den Boden des Korridors und Teile der Türschwelle. Rondrik, die vormalig auf Hochglanz polierte Plattenrüstung, das sorgsam geölte Kettenhemd und den feinbestickten, gelben Wappenrock mit dem die Flügel reckenden Falken mit rot, im Schein der Fackeln glühenden Spritzern benetzt, schiebt sich in den Durchgang. “Der Falke und die übrigen rüsten sich, Paske und Goswin halten den Durchgang bei der Wendeltreppe! Geleite die Fürstin zum Flur vor Ucurians Gemach!“
Alandra nickt knapp, versenkt den Säbel in der Scheide, eilt an die Seite der Fürstin und zieht sie grob und von ihrem Wimmern begleitet auf die Beine. “Und ihr ...“ Und mit diesen Worten richtet der Ritter den bluttriefenden Kopf seines Streitkolbens auf die zitternde Esra. “Wenn ihr leben wollt, geht ihr mit ihr!“ Esra vermag angesichts dieser rohen Zurschaustellung von Gewalt nur mit weit aufgerissenen Augen nicken. Dann heftet sie sich aufgewühlt an die Fersen von Alandra und Swantje. Auch wenn ihr bewusst ist, dass sie jetzt mit dem entwendeten Beweismaterial direkt in Ucurians Gemach laufe.

Natürlich könnte Esra auch versuchen sich das Chaos anderweitig zunutze zu machen. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass hier tatsächlich jemand Jagd auf die Bediensteten macht. Ausgeschlossen ist es nicht, aber wahrscheinlicher wäre dass die unglückliche Dienerin ein tragisches Opfer des Zufalls wurde. In jedem Fall wären bei diesem Weg Ucurians Schergen kein Problem mehr. Esra hat auch definitiv vor, die Augen offen zu halten, ob sie nicht in dem ganzen Chaos aus der Burg entkommen kann. Das ist immer noch der Plan! Nur will sie dabei nicht in einen offenen Kampf geraten.

Rondrik nickt Alandra noch einmal kurz zu, als diese sich in der Begleitung Swantjes auf den Weg macht und eilt dann mit schweren, von einem bemühten Ächzen untermalten Keuchen dem Kampfeslärm am Treppenauge entgegen. Esra steigt am ganzen Körper bebend über den entseelten, zusammengesunkenen Leichnam des Angreifers hinweg unter dem sich die beträchtliche Blutlache noch weiter ausbreitet und verwehrt sich selbst den Seitenblick in den Flur, in dem Rondrik verschwand. Die bloße Anmutung des dort an der Wand herabgesackten Körpers mit dem zertrümmerten oder gar eingeschlagenen Schädel aus dem Augenwinkel genügt schon um Übelkeit in ihr aufsteigen zu lassen. Mit starr geradeaus gerichtetem Blick heftet sie sich an die Fersen ihrer Führerin und deren Schutzbefohlener. Zwei Frauen in Kettenhemden und mit dem Wappenrock des Falkenbundes drängen sich an ihnen vorbei und streben ebenfalls dem Kampfeslärm in ihrem Rücken entgegen. Als Esra zu ihren Begleiterinnen aufschließt, nachdem diese um eine Ecke in einen breiten, in der Mitte von hölzernen Pfeilern geteilten Korridor eingebogen sind, stockt ihr kurz der Atem. Ein gutes Dutzend schildbewehrter Bewaffneter drängt sich hier um ein halbes Dutzend schwergerüsteter Männer, die sie allesamt von der Tafel von dem Empfang wiederzuerkennen vermag. In ihrer Mitte der goldene Falke höchstselbst. Und Arnôd von Eulenberg, der sich bis zu ihrem Erscheinen noch mit diesem unterhielt und sich jetzt den Neuankömmlingen zuwendet. Euch.

Nur ein einziger scheint nicht selbst in irgendeiner Form zur Familie zu gehören, die den klassischen schwarzen Raben mit rotem Schnabel und Krallen im Wappen führt, selbst, wenn es sich nur um ein Gürtelwappen oder eine sorgfältig bemalte Schulter handelt. Ein vielleicht knappe 30 Götterläufe zählender Mann mit breitem, aufrechtem Wuchs, einem gestutzten dunklen Drei-Tage-Bart und stahlblauen Augen unter dem schulterlang und offen getragenen Haar stellt die einzige Ausnahme dar. Seinen dunkelblauen Wappenrock ziert auf Gold eine Spitze in schwarz, verschränkt mit einem Sparren in blau. Das Herzstück des Wappens, quasi die Schnittstelle zwischen den Elementen ist ebenfalls geschwärzt. Esra kennt Arnôd und abgesehen davon, dass ihm bei dieser Begegnung der Staub von der Reise abzugehen scheint, prägen das harte, kantige Gesicht diesselben wachsamen Augen, die an dem Mittag vor Talf schon das Regenbogenbanner streiften, als er sie als Heeresführer des Falkenbundes empfing. Esra senkt den Blick, als diese Augen sich in ihre Richtung bewegen.

“Mein liebes Kind, seid Ihr unversehrt?“ Die Besorgnis, die in Ucurians Stimme mitschwingt, ist echt, als sich der ergrauende Falke seinen Weg durch den respektvoll zurückweichenden Ring der Verteidiger bahnt und der falschen Fürstin die behandschuhten Hände auf die vor Aufregung geröteten Wangen legt. Esras ausgezeichneter Beobachtungsgabe bleibt nicht verborgen, dass ein süffisantes und abschätziges Lächeln die Lippen von Alandra umspielt, die jetzt in seinem Rücken steht. Von ihrer in den Nordmarken zur Knappin genommenen Fürstin hätte sie wohl zweifelsohne mehr Wehrhaftigkeit erwartet als diese beim überraschenden Erstkontakt an den Tag legte. Dann gleitet Ucurians Blick zu Esra. Und er nickt einem der nahe bei ihnen stehenden Soldaten seines Gefolges zu. “Sperrt die Magd zu den übrigen Dienern und Knechten. Wir können keinesfalls sicher sein, dass diese nicht ebenfalls in die Entwicklungen verstrickt sind.“ Arnôd, der die Stirn in Falten gelegt hat, ergreift das Wort. “Mit Verlaub, mein Fürst, ich bezweifle, dass von der jungen Magd eine Gefahr ausgeht, seht nur wie verschüchtert und erschüttert sie wirkt.“-“Nun, werter Herr von Eulenberg ...“ Die Hand des blonden Ritters legt sich auf die Schultern des Heeresführers, eine Geste, die Arnôd sichtlich Unbehagen zu bereiten scheint. “Die Aufgabe einer guten und talentierten Mörderin, wie mir scheint, ist wohl zuallererst die, ihre wahre Gesinnung und ihr Ziel nicht vor Erreichen offen vor sich herzutragen.“ Seine Stimme ist scharf, schneidend, fast unangenehm, als er Esra mit seinen stahlblauen Augen mustert. “Durchsucht sie, dann wissen wir mehr ...“

Sie fühlt sich, wie das Reh, dass den Jäger wittert. Will losrennen, ausbrechen. Dahin wo es frei ist. Also notfalls auch zurück! Schneller als sie je gerannt ist! Unterwegs versuchen die Beweise loszuwerden, sie durch eine Schiessscharte zu werfen, egal wohin sie dann fallen. Der Treppenabgang dürfte von den Kämpfenden in jedem Fall verstopft werden. Einen Weg nach draussen hat Esra auf ihrem Weg hinein nicht gesehen. Der umlaufende Wehrgang befindet sich noch einen Stock höher, aber dort haben auch Chaos und Schwerterklirren ihren Anfang genommen. Verstecken wäre Esras einzige Option. Und hoffen, dass der Falkenbund sich jetzt wichtigeren Dingen wie der Flucht zuwendet. Aber dann muss Esra auch noch den anderen Angreifern entkommen. Oder den Häschern des Barons, wenn sie die Stockwerke von Attentätern säubern. Und für Esra selbst sind die Schießscharten zu schmal. Hastig zuckende Gedanken lähmen sie, aber wenn Ucurian sie wirklich durchsuchen lassen sollte, ist sie bereit es zu versuchen. Wenn es sein muss … auch springen, und wenn es ihren Tod bedeutet.

"Hoher Herr, nichts liegt mir ferner, als euch oder jemand in eurem Gefolge schaden zu wollen. Doch wenn ihr dies in Zweifel ziehen mögt, so gut mit mir, was euch beliebt." So wendet sie sich an Ucurian. Ucurian löst sich von seiner Tochter, hebt in einer fast beschwichtigenden Geste die Hand und lächelt milde. “Seid unbesorgt, schönes Kind, niemand hier zieht Eure Redlichkeit in Zweifel. Trüget Ihr ein verborgenes Messer hätte ich wohl jetzt meine Tochter nicht in den Arm schließen können.“ Er nickt noch einmal dem zuvor angesprochenen Soldaten zu. “Dieser Mann wird Euch nun zu einer Kammer führen, in denen auch der Rest der Bediensteten untergebracht ist. Euch droht von unserer Seite kein Ungemach und unsere Ritter werden dafür Sorge tragen, dass Ihr dort bis der Tumult sich aufgelöst hat, nicht um Euer Leben bangen müsst. Die vermeintlichen Attentäter werden alsbald das Weite suchen, für einen andauernden Kampf sind sie nicht gerüstet.“ Der junge Soldat des Falkenbundes tritt an Esra heran. “Bitte folgt mir.“ presst er zwischen sich vor Schüchternheit kaum bewegenden Lippen hervor.

Esra ist schweißgebadet und sah sich schon der Göttin gegenüber treten. Doch sie weiss, dass sie keineswegs sicher ist. Die Papiere loszuwerden hat immer noch Priorität. Am besten so, dass man sie später wiederfindet ...

Wenn der Soldat sie abführt, nimmt sie sich vor in Erfahrung zu bringen, wer denn der Mann war, der versucht hat, mich in ein schlechtes Licht zu stellen und sie fast ihre Tarnung und damit vermutlich auch ihr Leben gekostet hätte. Der Soldat führt sie an der freien Seite der Gruppe um Ucurian vorbei, weiter den breiten Korridor herab. Auch hier liegen die reglosen, zum Teil blutigen Körper von Dienstboten, Knechten und Mägden, auch ein Soldat des Falkenbundes ist darunter. Manche hat Esra beiläufig bei ihrer Arbeit zu Gesicht bekommen, andere sind ihr vollkommen fremd. Möglicherweise sind auch hier einige der Attentäter darunter, verstreut herumliegende Kurzschwerter und zerschlagene Armbrüste lassen diesen Schluss zu. Die Türen zu den meisten der Quartiere sind noch geöffnet, aber der Soldat führt sie auf eine verschlossene zu, vor der eine weitere Soldatin des Falkenbundes Stellung bezogen hat. Auf Esras Frage zuckt der junge Wachmann nur mit den Achseln. “Der edle Herr ist erst am gestrigen Tag zu unserem Zug gestoßen. Ein Weidener Edelmann, wie mir scheint, aber sein Wappen ist mir unbekannt.“ Er scheint sich selbst dabei zu ertappen, wie er durch Esras Art ins Plaudern gerät und verstummt.
Stattdessen nickt er der dunkelhaarigen Soldatin zu, die den Schlüssel im Schloss dreht und die Tür zum dem fensterlosen Vorratsraum aufschiebt. Brütende, unangenehme Wärme schlägt Esra entgegen, als ihr Blick in den Raum fällt, in dem ein gutes Dutzend der Dienerschaft Unterschlupf gefunden hat. Männer und Frauen haben hier eng zusammengepfercht Platz auf oder neben den Kisten genommen oder kauern teilnahmslos und mit leer Blick an der kalten Steinwand. Sie wirken blass und eingeschüchtert. “Hier hinein, bitte.“ Der Soldat lächelt schüchtern und fast entschuldigend. Angstvoll schaut Esra in die zweifelhafte Unterbringung, aus der es sobald kein Entkommen geben mag. Und doch scheint es das Klügste zu sein, sich in die Reihen der Bediensteten zu begeben. Mag Idra unter ihnen sein? Noch einmal dreht sie sich zögernd zu dem Soldaten um: "Wenn ihr noch die Frage gestattet, wer denn jene Gerüsteten sind, die die Kühnheit besitzen, uns in unseren eigenen Mauern anzugreifen? Vor wem müssen wir uns fürchten?"

Der junge Mann zuckt abermals mit den Schultern und wirft einen Blick den Gang hinunter zu Ucurian und seinen Gefährten. “Ganz sicher scheint nur, dass es sich um gedungene Attentäter handeln muss. Männer tief aus dem Süden. Wer ihr Ziel ist, wissen wir nicht mit Bestimmtheit, aber ich denke es geht um die Fürstin. Vielleicht greifen die Tulamiden selbst in den Kampf um die Mark ein um Selindian Hal die Stirn zu bieten.“-"Nun gut. Vielleicht könntet ihr veranlassen, dass man uns etwas Wasser bringt? Ihr sehr sicher, dass die Leute Durst haben und eine Lampe wenn ihr guten Herzens seid und eure Zeit es zulässt. Seht, wie sie sich fürchten."

Er deutet wortlos und mit der Andeutung eines Lächelns auf ein Tablett mit einem Wasserkelch und einigen darum angehäuften Äpfeln. Auf den Kisten zwischen den Schemen kann Esra einige Kerzenhalter erkennen, deren Schummerlicht den Raum bestreicht. “Wenn ihr etwas brauchen solltet und Vorräte oder Kerzen zur Neige gehen, klopft und sagt Bescheid. Und verhaltet Euch ruhig. Euch wird nichts geschehen, die Attentäter trachten euch sicher nicht nach dem Leben.“ Idra kann Esra, die Arme um die schlanken Beine geschlungen und von offensichtlich schmerzhaften Krämpfen geplagt in einer abgewandten Ecke des Raumes ausmachen.

Dankbar nickt sie dem Soldaten zu. "Die Zwölfe mögen es euch vergelten." Dann stürzt sie in den Raum und fällt Idra um den Hals, während Tränen der Erleichterung aus ihren Augen ihre Wangen herabrinnen, darüber dass sie hier vorerst sicher ist und in Idra ein bekanntes Gesicht zu entdecken vermag. Und auch, wenn sie Esra nicht wirklich kennen kann, so bin ist die Tsageweihte doch froh, nicht allein sein zu müssen, während draussen die Gänge voller Toter liegen. Esras Geruchssinn ist den Göttern sei dank ohnehin abgestumpft und benebelt von dem düsteren, unheilvollen Gemisch von Blut und Schweiß, den sie in den Fluren unbewusst aufgesogen hat, so dass der Geruch der nur grob mit einem Eimer mit Badewasser abgespülte Kammerzofe sich momentan in Grenzen hält und nur etwas unangenehm ist. Sie ist klitschnass und zittert, als Esra die Arme um sie legt und beginnt zu schluchzen als sie die unverhoffte Nähe ihrer Leidensgenossin spürt. Aus dem kläglichen Glucksen werden schnell Tränen, die ihr Gesicht herabkullern, während sie sich Esras Umarmung ergibt. "Schon gut, Idra. Wir sind hier sicher. Morgen werden wir sicher schon darüber lachen können", bringt sie mit einem mühsamen Lächeln hervor und setzt sich dann neben sie.

Sie lässt ihren Kopf gegen Esras Schulter sinken und schnieft leise. “Ich habe meine Herrin enttäuscht ... die Falken werden mich hier lassen.“ Sie wirkt um die Sommersprossen auf ihrer Nase herum noch blasser als zuvor und der Kummer in ihren Augen scheint Esra fast greifbar. Das kühle Wasser rinnt aus ihren nassen, roten Haaren auf Esras leinenbedeckte Schulter. "Ein kleines Missgeschick war es, kein Staatsverbrechen. Ich werde ein gutes Wort für dich einlegen, sofern man mir Gehör schenkt." Mit verweinten Augen schenkt sie Esra ein dankbares, aber auch gleichzeitig resignierendes Lächeln. “Danke ... dass du hier ... bist. Aber ich befürchte, dass das Wort einer anderen Dienerin nicht genügen wird, um mich von dieser Schande reinzuwaschen.“-"Wir werden sehen..." Damit verstummt Esra und gibt sich erneut den Überlegungen hin, wie Sie mit heiler Haut die Burg verlassen kann.

Der ferne Kampfeslärm verblasst im geschäftigen Brüten von Esras Verstand zu einem seelenlosen, leeren Rauschen im Hintergrund. Die Wärme in diesem kleinen Zimmer ist erdrückend, aber gleichzeitig wiegt sie Esras Körper in trügerischer Hoffnung auf heimelige Geborgenheit, wie sie auch ein weiches Bett und eine warme Decke versprechen. Nur verhalten werden Worte unter ihren Mitgefangenen gewechselt und Esra beginnt sich zu fragen, ob es nicht vielleicht doch schnellere Gewissheit über ihr Schicksal gebracht hätte, wenn sie die Flucht ergriffen hätte. Vielleicht ... hier ist es jedoch nur das Warten, das Ausharren und Nichtstun, dass sie zermürbt. Ihre Gedanken schweifen ab. Nach Zweimühlen. Zu Fiaga ... zu Antaris ... zum Waisenhaus und der kleinen Resi ... Insgeheim wünscht sie sich, dass sie niemals aufgebrochen wären. Mit Idras Kopf auf ihrer Schulter fällt sie in unruhigen, von verwaschenen Traumbildern begleiteten Schlaf.

***

Unruhiges Murmeln, das Rascheln von Gewändern und das Knarren von Kisten lassen Esra langsam die Mattigkeit des Schlafes abstreifen und ins zwielichtige Dunkel blinzeln. Die Kerzen sind inzwischen erloschen, nur noch groteske, geschmolzene Figuren aus Wachs, denen man in einem Kinderspiel Bedeutung zusprechen könnte. Das Wenige an Licht, dass sich in den muffigen Raum zwängt, fällt unter dem Spalt der Tür hindurch ins Innere. Gedämpfte Worte dringen an ihr Ohr, als sich Schatten wie von Stiefeln vor den Türspalt schieben. Furchtsam drängen sich die hier versammelten in der verbrauchten, stickigen Luft zusammen. Idras Kopf ruht noch immer auf Esras Schulter. Ihr leises gleichmäßiges Atmen verrät, dass sie noch in Borons Träumen weilt.
Esra spitzt die Ohren, was die Stimmen ihr verraten mögen, rechnet aber auch damit, dass jeden Moment die Tür aufgeht und den Raum in grelles Licht taucht. Wieder der Gedanke, wie sie die Papiere loswerden könnte. Für einen Moment die Überlegung, ob sie diese vielleicht in Idras Rock stopfen könnte, aber sie hat der armen Zofe gefühlt schon genug zugemutet und ausserdem würde sie vermutlich davon erwachen. Tatsächlich bleibt ihr nur wenig Zeit für ihre Überlegungen. Der Schlüssel dreht sich im Schloss. Ihr Gehör kann sich in der im Zimmer erwachenden Geräuschkulisse nicht auf die Worte vor der Tür konzentrieren. "Idra, wach auf!" Sie bewegt ihre Schulter.

Idra blinzelt schläfrig und lässt hinter vorgehaltener Hand ein kurzes Gähnen folgen. “Irina ... ich ... was ist denn los?“ Der sich langsam und mühsam öffnende Türspalt ergiesst trotz der nur im Flur flackernden Lichtquellen seinen blendenden Schein in das kleine behelfsmäßige Verlies. Erst als schmaler Streifen, dann zunehmend anwachsend. Esra duckt sich unmittelbar vor dem Lichtstrahl, als habe sie es nicht verdient sich unbescholten im Licht zu zeigen, und senkt den Kopf. So gebeugt erkennt Esra nur aus dem Augenwinkel die zwei in den Lichthof des nachdrängenden Fackelscheins gehüllten Gestalten. Das metallische Glimmen ihrer Schultern und Glieder verrät ihr, dass die beiden Schemen gerüstet sind. Ein länglicher spitz zulaufender Helm gibt ihrem Kopf beinahe groteske Form. “Irina, ich habe Angst.“ murmelt Idra mühsam nach Worten ringend. “Aufstehen und immer zu zweit vortreten!“ blafft eine befehlsgewohnte weibliche Stimme. Die Hände der Schatten ruhen wachsam auf den Schwertgriffen.

Esra fasst wortlos Idras Hand und zieht sie hoch. Dann tritt sie mit gebeugtem Haupt nach vorne. Ist es Alandras Stimme? Als sich Esras Augen an die Helligkeit gewöhnt haben, blickt sie in die müden, blutunterlaufenen Augen von zwei ihr unbekannten Soldaten, die Esra und Idra mit gleichgültigem Blick mustern. Die Soldatin macht einen kurzen Schritt rückwärts und winkt die beiden aus dem geöffneten Türrahmen zu sich. Unwillkürlich macht der andere Soldat einen Schritt zur Seite, verzieht das Gesicht zu einer angeekelten Grimasse und rümpft die Nase. Für einen Moment macht sich die Hoffnung breit, dass sie uns wegen Idras Geruch schnell gehen lassen werden. Wird ein weiteres stummes Stossgebet zu Phex erhört?

Tatsächlich zieht sie ihre behandschuhte Hand vor Mund und Nase und knurrt gedämpft. “Bei den Göttern, ihr riecht wie die Sickergrube nach einer Woche Feldlager.“ Idra schluchzt wieder und würde vor Scham am liebsten im Boden versinken. Die Soldatin bringt bei aller Abscheu noch ein hässliches Grinsen zustande. “Und verbrennt eure Kleider, bevor ihr euch für eine Woche in ranzigem Ogerfett wälzt, um nicht mehr so fürchterlich nach Unrat zu stinken.“ Esra nickt nur wortlos und wartet, dass ihre gepanzerte Hand endlich den Weg freigibt. “Genug jetzt!“ poltert eine tiefe, männliche und offensichtlich gereizte Stimme, begleitet vom schweren Rasseln der Schritte Gerüsteter. Arnôd von Eulenberg in voller, spiegelnder Platte und eine stählerne Hundsgugel mit hochgeklapptem Visier tragend, stapft in Begleitung von drei weiteren Waffenträgern auf die Tür zu. Auch er sieht müde, geradezu erschöpft aus. Eine Zornesfalte zeichnet sich auf seiner Stirn knapp über der linken Augenbraue ab, als er sich an Koffern und Kisten, die sich jetzt in dem Flur stapeln, vorbeischiebt. “Unterlasst sofort diese Abscheulichkeiten!“ Die beiden Soldaten senken die Häupter. “Und jetzt zackig, die Dienerschaft wird jetzt in die Obhut unserer Belagerer übergeben.“ Halb an Esra und ihre Begleiterin, halb aber auch an den Rest der verschüchterten Diener, Mägde und Knechte gewandt, erhebt er die Stimme abermals. “Seid ohne Furcht, die Herrin der Burg hat Euch freies Geleit zugesichert! Ihr werdet jetzt zur Wendeltreppe gebracht und dort Ihrer Obhut überantwortet. Bewegt Euch rasch und ohne Murren, auch unser Abzug steht bevor und jegliche Verzögerung werde ich persönlich mit einer Strafe belegen.“

Belagerer? Herrin der Burg? Esra glaubt ihren Ohren nicht zu trauen, ist aber erleichtert, dass von freiem Geleit die Rede ist. Doch was um alles in der Welt ist geschehen? Doch sie will keinesfalls die Aufmerksamkeit von von Eulenberg auf sich ziehen und folgt rasch den Anweisungen. Kleinlaut nickt die Soldatin und deutet den großen Korridor hinunter, auf dem sich die Bedeckung und Gefolgschaft Ucurian von Rabenmunds trotz ihrer beachtlichen Größe dennoch in der langgestreckten Halle nahezu zu verlieren droht. Sie sieht Ucurian der sich dort mit einem Ritter mit kurzen blonden Haaren und einem unter den Arm geklemmten Topfhelm in einer im Vergleich zu den übrigen hochherrschaftlich verzierten Rüstungen fast schlicht wirkenden Garether Platte und einem braunhaarigen Mann mit hoher Stirn und einer über den stählerne Plattenkragen gelegten Zierkette, die ihn offensichtlich als Baron ausweist unterhält. Alandra Greifenklau hält sich in seinem Schatten und ihr Augenmerk auf das unübersichtlich geschäftige Treiben der eigenen Dienerschaft gerichtet. Swantje, die, wie um Esras Erkenntnisse noch einmal zu unterstreichen, in ihrer fein gearbeiteten nordmärkischen Schuppenrüstung etwas verloren wirkt, scheint noch immer sichtlich gezeichnet von den Ereignissen der vergangenen Nacht und zuckt bei jedem plötzlichen Geräusch fast unmerklich zusammen. “Den Gang hinunter und an seinem Ende wendet euch nach links Richtung Treppenabgang. Dort findet ihr Herrn Rondrik und seine Schar. Sie werden euch dort in die Obhut der Baronin übergeben.“ Sie spuckt den Titel in unverhohlener Verachtung förmlich aus. “Die übrigen Diener werden dann gleich zu euch stoßen.“ Sie rümpft noch einmal die Nase und mustert Idra, die ihren Blick vor Scham nicht vom Boden hebt, abfällig. “Los, seht schon zu, dass ihr Land gewinnt! ... Die nächsten! Immer nur zu zweit vortreten!“

Rondrik. Esras Herz macht wieder einen Satz. Wird jetzt, wo sie dem Ende des Versteckspiels schon so nahe ist, doch noch ihre Verkleidung erkannt werden? Hat Rondrik sich in der Zeit eines besseren besinnt? Oder wer sonst mag die dort erwarten, der erneut Gefahr bedeuten könnte? Wo ist nur Aruna? Esra schluckt die Tränen runter. Niemals wieder bei den Zwölfen wird sie sich so tief in politische Ränge verwickeln lassen! Sitzen auch der so sorgfältig aufgetragene Lidstrich, das dezente Lippenrot und das Puder noch in der Form, wie sie den bulligen Ritter schon einmal zu täuschen vermochten? Hätte Arnôd sie dann nicht auch schon erkennen müssen? Oder war der Feldherr zu erbost über die schändliche Grausamkeit seiner Untergebenen, um sie näher in Augenschein zu nehmen? Das verräterische und belastende Papier unter ihrer Kleidung kratzt auf Esras Haut. Ist durch die Bewegungen in den sorgsam gewählten Verstecken verrutscht und raschelt bei jeder Bewegung verdächtig. Flüsternd leise, aber vielleicht laut genug für einen wachen, aufmerksamen Verstand?

Kurz streift ihr Blick im Vorübergehen den von Alandra, den von Swantje. Auch Ucurian scheint kurz aufzublicken, verzieht aber keine Miene. Was wissen sie? Ahnen sie etwas? Hat Swantje beim Packen ihrer Habseligkeiten einen kurzen Blick in die Unterlagen geworfen und festgestellt dass neben dem Deckblatt noch einige weitere Seiten fehlen? Hat Sie diesen Umstand dem goldenen Falken gebeichtet? Was erwartet Sie hinter der letzten Biegung? Und ja, wo ist Aruna? Wo Paske und Eldrinn. Wandelt Phex noch in ihrem Schatten oder hat er sich nach dieser segnungsreichen Nacht von ihr abgewandt, um in stiller Erwartung den Beweis zu erwarten, dass sie den Rest des Weges auch alleine zu beschreiten vermag? Ihre und Idras Schritte hallen leise am dunklen, in Fackelschein getränkten Stein wider. Ihr Schicksal liegt nur noch wenige Meter von ihr entfernt. Die Kreuzung am Ende des Ganges. Und dahinter ... die Wahrheit.
Session: Der Zug der Fürstin - Wahrheit - Monday, Jul 17 2017 from 10:00 AM to 1:00 PM
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Ulf
In den Klauen des Falken Pt. I
Nachdem die Edeldame, die Esra nur wenig vorher noch an der Tafel mit den Abgesandten des Falkenbundes und an der Seite von Reto Ertzel von Echsmoos speisen sah, Aruna und Esra in ihren vergeblichen Bemühungen ein geeignetes Versteck für den mittels eines Nachttopfes ausgeschalteten Wachmannes zu finden, unvermittelt unterbricht, gibt sie sich gegenüber den nervösen Heldinnen alsbald als Arnhild von Darbonia zu erkennen. Mehr noch … als die berüchtigte „Windkönigin“ höchstselbst, die in den Bemühungen der beiden Frauen durchaus Überschneidungen zu ihren eigenen Interessen zu entdecken vermag. Schließlich stammten auch die Pläne, die Paske bereits im Vorfeld ausgehändigt wurden, aus ihrer Hand. Während sich die beiden südländisch wirkenden Diener an ihrer Seite um den regungslosen Leib des Wächters kümmern sollen, stellt sie den beiden Gefährtinnen in Aussicht sie in den Bergfried selbst zu geleiten. Von da aus müssten sie ihren Weg dann selber finden, da ihre längere Abwesenheit sonst gerade beim paranoiden Baron von Gallys unerwünschtes Misstrauen säen könnte.

Nach kurzem Überschlagen ihrer Optionen willigen Aruna und Esra ein und folgen der stolzen Schönheit in den bauchigen und wuchtigen Bergfried der uralten Trutzburg. Aufgrund ihrer Begleitung scheinen auch die vielzähligen Wachen, die sie passieren, außer den gelegentlichen verstohlenen Blicken ob der drei unerreichbar reizvollen Damen, kaum Kenntnis von Ihnen zu nehmen. Esra kann Arnhild auf deren Wunsch hin nach kurzem Gespräch mit Alandra Greifenklau, der Leibwächterin der Fürstin und sonst Ucurians persönlicher Leibwache, Zugang zum Gemach von Swantje von Rabenmund verschaffen und sie mit ihrer persönlichen Empfehlung als Unterstützung ihrer persönlichen Zofe in die Nähe der Tochter Ucurians bringen. Vorerst damit nicht in unmittelbare Nähe, da Ankleiden und der Zutritt zu Swantjes Privatgemach weiterhin ihrer Vertrauten vorbehalten bleibt. Die Kammerzofe, Idra Fuxfell, reagiert recht zugeknöpft und missmutig darauf, dass ihr eine Hilfskraft zugeteilt wird, die sie womöglich noch einarbeiten muss. Esra gelingt es jedoch mit netten Worten und ihrer umgänglichen Art schnell das Vertrauen der rothaarigen Zofe zu gewinnen und ihre Zunge zum freundschaftlichen Tratsch zu lockern. Lediglich zu ihrer Dienstherrin läßt sie sich keinerlei Pikantes oder Interessantes entlocken.

Entgegen ihrer anfänglich etwas herrischen und besitzergreifenden Art gegenüber Swantje nimmt sie Komplimente, die an sie gerichtet sind, sehr dankbar entgegen, steht sie doch meist im Schatten ihrer Herrin. Durch ihre ständige Beschäftigung bleibt ihr auch nur wenig Kontakt mit anderen, so dass sie sich nach den anfänglichen Startschwierigkeiten schnell freut jemand anderes als den Stab von Ucurian anzutreffen, der sie zumeist ignoriert und sich bedienen lässt. Tatsächlich lässt sie sich von den Komplimenten einer Schönheit wie Esra schnell in Verlegenheit bringen. Sie neigt aber auch dazu zu tratschen und damit auch schnell viel der kostbaren Zeit, die Esra bleibt um ihre Aufgabe zu regeln, zu rauben. Auch wenn sie mehr ins Plappern gerät, um ihre eigene Verlegenheit zu verdecken. Esra wird auf jeden Fall bewusst, dass Sie sich etwas ausdenken muss, um ihren Plan in die Tat umzusetzen.

Das aus drei aneinandergrenzenden Zimmern bestehende Quartier Swantjes, in dem sie die meiste Zeit in ihrem Schlafgemach verbringt, besteht aus einem grosszügigen und nobel eingerichteten Wohnzimmer und einer Wäschekammer, in der Esra und Idra alle Hände voll zu tun haben, die schmutzige Reisekleidung von Hand zu waschen. Direkt dort grenzen auch das Abbort (eines der wenigen der Burg) und ein kleines Badezimmer an, von dem aus auch eine Tür in Swantjes Gemach führt. Die Zeitkomponente ist das kritischste an der Mission. Bevor die Vorbereitungen Swantjes für das Fest beginnen, die Idra begleiten wird, bleibt Esra nur eine knappe Stunde. Wenig Zeit um Idras Vertrauen in der Stärke zu gewinnen, dass sie Esra Swantje vorbereiten darf oder sie zumindest daran teilhaben lässt. Ein Weinkrug und ein Glas, an dem Idra selten einmal nippt, um sich wohl die Langeweile zu vertreiben, bringen die Tsageweihte auf eine Idee.

Mittels wohl dosierter Versuche der Annäherung und ihrer Kenntnisse in der Giftkunde und Alchimie versetzt sie den Wein in einem unbeobachteten Moment mit etwas von dem in der Waschküche gelagerten Waschmittels, auch wenn Idras Annährungsversuche mit der Menge des Weins und jeder spielerisch verfütterten Dattel weniger schamhaft und zurückhaltend werden. Durch die sorgsame Dosierung und das Zurücktreten der eigenen Hemmschwelle wird sie selbst auch etwas mehr dem Wein zusagen als sie dies normalerweise tun würde. Beim von Kichern begleiteten Schrubben von Swantjes Kleidern über dem Waschzuber, wird sie sich recht unvermittelt ein Herz fassen und der neben ihr knienden Esra versuchen einen Kuss zu stehlen.

Die Tsageweihte fühlt sich in erster Linie an die unglückliche Liebschaft mit Fulminia erinnert, die sie auch nur als Zeitvertreib wollte und wird sie zwar nicht grob zurückweisen, aber nicht weiter darauf eingehen, und ihr ein freundliches Lächeln schenken. Kurz nachdem sich ihre Lippen trennen und Idra ihren Blick aufgrund der Nichterwiderung des Kusses wieder plötzlich schüchtern abwendet, dringt ein unheilvolles Gurgeln aus der Tiefe des Magens der rothaarigen Magd an Esras Ohren. Idra erbleicht, lässt das Gewand in das Seifenwasser fallen und stürmt ohne Umwege in Richtung Abbort. Und lässt Esra alleine zurück.

In gespielter Überraschung erkundigt sich Esra nach Idras Befinden und höre vermutlich unverkennbare Geräusche, die durch die geschlossene Tür dringen. Idra schämt sich offensichtlich und stammelt immer wieder Entschuldigungen. Die Unterbrechung ist ihr furchtbar peinlich. Die gestiegene Geräuschkulisse und das Knallen von Türen rufen Swantje und Alandra auf den Plan, die in den Wohnbereich geeilt kommen. Während sich Swantje besorgt nach Idra erkundigt, lässt Alandra schweigend ihren Blick durch den Raum schweifen, mustert Esra und bahnt sich an ihr vorbei einen Weg in den Wasch- und Badebereich, während Swantje noch deine Seite der Geschichte zu hören bekommt.

Im Verlauf von Esras Schilderung kehrt auch Alandra mit dem leeren Weinglas zurück und begibt sich an eine der wenigen lichtspendenden Schießscharten und schwenkt mit grüblerischem Blick das Kristallglas vor Praios unbestechlichem Blick. Auch auf Esra fällt dabei ihr durchdringender Blick, während sie ebenfalls ihren Ausführungen lauscht. „Nun in Wein getauchte Datteln und Feigen mögen zwar eine Leckerei sein, doch sollte man es damit nicht übertreiben, wenn ihr mich fragt: eine harmlose Verstimmung. Wenn sich morgen die Praiosscheibe erhebt, wird sich die werte Idra sicher erholt haben.“ Alandra schnaubt verstimmt und stellt das Glas wieder auf das dafür vorgesehene Silbertablett. Esras versierte Dosierung war zu fein, als dass Rückstände bei dem schummrigen Licht klar zu erkennen wären. Auch der Geruch des schweren Weins hat sich nicht verändert. Sie nimmt dennoch das Tablett mit einem mahnenden Blick auf Esra an sich und ergänzt dass dafür jetzt wohl keine Veranlassung mehr bestehen sollte. Sie versichert Swantje, dass die Beraterin des Barons von der Befähigung ihrer Kammerzofe überzeugt sei und stellt Swantje frei ihre Dienste ersatzhalber in Anspruch zu nehmen. Alternativ würde sie angemessenen Ersatz suchen, was Swantje in Anbetracht der gegebenen Zeit aber ablehnt. Als erstes weist Swantje Esra an, ihr den Waschzuber im Wohnquartier zu bereiten. Die Zustände im von Idra belegten Bad würden wohl keineswegs ein gepflegtes Bad erlauben. Dann verlässt die Leibwächterin das Quartier mit dem Tablett und Swantje zieht sich wieder in ihre Kammer zurück. Esra möge doch klopfen, wenn das Bad bereit sei.

Esra bereitet alles in Windeseile vor. Wichtige Utensilien wie Seife, Parfum oder Schwamm nimmt sie sich vor zurückzuhalten, um später einen Grund zu haben ihr das Vergessene zu bringen, wenn sie in der Wanne sitzt. Der Dienerschaft ist bewusst wie bald schon das abendliche Bankett ansteht und so kommt hektische Betriebsamkeit in die kleine Stube. Während fleissige Hände noch das Bad richten, treten zwei weitere Personen durch die momentan beständig geöffnete Tür, durch die Diener und Zofen hinein- und heraushuschen. Ucurian, der Herr des Falkenbundes, durchquert gemäßigten Schrittes, ohne die Bediensteten mit größerer Aufmerksamkeit zu bedenken, den Raum. In Begleitung von Ritter Rondrik, dessen Augen weitaus wachsamer durch den Raum huschen. Schnurstracks hält der charismatische im Volksmund als "Goldener Falke" bezeichnete Cronverweser Darpatiens auf die Tür zu Swantjes Gemach zu. Esras Herz steht kurz still, sie senkt den Blick vor den hohen Herren, verfolgt aber jeden ihrer Schritte, sobald sie sich unbeobachtet glaubt. Aufgrund ihrer Begegnung auf den Feldern vor Talf versucht sie sich immer im Rücken Rondriks zu halten oder ihm den ihren zuzudrehen. Während Rondrik seinem Lehnsherrn, der durch einen Türspalt eine aufgrund des allgemein gestiegenen Lärmpegels unverständliche Unterhaltung sucht, den Rücken zuwendet und die Arme vor der Brust verschränkt, müht sich Esra sich seinem Blick zu entziehen. Das Badewasser gurgelt in Strömen aus den herbeigeschleppten Eimern in die Wanne. Es dauert einen kurzen Moment, dann tritt Ucurian durch den Spalt in der Tür in das Gemach der Fürstin. Nachdem diese sich wieder geschlossen hat, lehnt sich Rondrik gegen das alte Holz des Türrahmens und beobachtet die geschäftige Betriebsamkeit.

Esra ärgert sich kurz darüber, dass sich ihr Gedanke an ein unbemerktes Lauschen in Luft aufgelöst hat. Sie bemüht sich weiterhin sich nicht auffällig zu verhalten. Sie geht den anderen Dienern zur Hand oder huscht auch mal zum Abbort, um sich dort nach Idra zu erkundigen und spekuliert darauf, dass die anderen das Zimmer wieder verlassen werden, wenn Swantje ihr Bad nimmt.

Tatsächlich greift das Wirken des eingelernten Personals hier allerdings so gut ineinander, dass Esra irgendwann sogar die Befürchtung hegt, aus dem Rahmen zu fallen, weil vielleicht nicht jeder einzelne Handgriff sitzt. Allerdings bezweifelt sie auch, dass das ausgerechnet dem wachhabenden Ritter auffallen sollte. Aus dem Abbort dringen immer noch unappetitliche Laute und das Wimmern der unglücklichen Idra an Esras Ohr. Allerdings befindet sich in diesem Raum auch ein weiterer Zugang zum Gemach von Swantje ... Und eine Tür an der man mit etwas Glück und Phexens Segen vielleicht etwas von der Konversation in Swantjes Gemach aufschnappen könnte.

Der Tsageweihten fällt auf, dass einzelne Diener und Mägde ihr missbilligende Blicke ob der ihre Arbeiten vernachlässigenden Zofe zuwerfen. In einigen Gesichtern spiegelt sich jedoch auch Verständnis als die unglücklichen Laute Idras durch die Tür dringen, als Esra diese öffnet. Idra bittet sie unter Tränen nicht hereinzukommen, sie solle sie nicht so sehen. Der Abbort, auf dem die Magd zusammengesunken kauert, ist einige Schritt von der Tür zu Swantjes Gemach entfernt. Sich um sie zu kümmern und gleichzeitig zu lauschen, dürfte sich schwierig gestalten. Doch Esra ignoriert diese Bedenken und tritt trotzdem ein. Sie redet der bedauernswerten Esra gut zu, sie sei nicht der erste Mensch auf der Dere, den ich so sehe. Sie möge doch mit dem Eimer hinaus an die frische Luft treten - und dabei greift sie ihr bereits unter die Arme - damit Esra sauber machen und der Gestank sich nicht bis in das Gemach der Herrin ausbreiten könne. Ich ziehe sie bestimmt auf die Beine und schiebe sie in Richtung der neugierig guckenden Dienerschaft. Sie ist dabei freundlich aber resolut. Widerworte werden ignoriert. Der Umgang mit zuweilen bockigen Kindern im Waisenhaus kommt ihr dabei zugute.

Entgegen Esras vielleicht gehegter Hoffnung stellt sich Idras überreizte Darmaktivität nicht ein. Idra bringt nur ein beschämtes Quietschen zustande und presst krampfhaft ihre Oberschenkel zusammen. Die übelriechende Flut kann das nicht stoppen. Angewidert wenden sich die Teile der Dienerschaft, die dieser Szene mehr oder weniger gewollt beiwohnen ab oder starren entsetzt auf die junge Kammerzofe, die mit hochrotem Kopf versucht den Missstand zu verbergen.

Nach dem vergeblichen Versuch Idra aus dem Bad zu bringen, ist einiges an zusätzlichem Trubel entstanden. Unruhe erfüllt den Raum und als Esra die wimmernde Idra wieder auf den abbort sinken lässt, sieht sie dass Rondrik durch die Tür zum Wohnquartier in Richtung des Bades linst. Mit hochrotem Kopf kommt dahinter der Majordomus zum Vorschein und stürmt an dem Recken vorbei direkt auf Esra zu.

Mit polternden Schritten und offensichtlich peinlich berührt passt Ernbrecht Hiligon, der Majordomus der Burg, Esra an der Tür zum Bad ab, nicht ohne jedoch zuvor einen pikierten Blick auf Idra zu werfen, die sich jetzt wieder über dem Abbort krümmt, bevor Esra die Tür schließt. Im Hintergrund verengt Rondrik die Augen zu Schlitzen und mustert Esra eindringlich, bevor ihr Kopf hinter dem des Majordomus verschwindet als dieser sich vor ihr aufbaut. "Was denkt Sie sich ..." zischt er in seiner Wut dennoch auf Diskretion bedacht. "Überlasst die Zofe den Konsequenzen ihres Fehlverhaltens! Mitgefühl ist hier völlig fehl am Platz. Sie bleibt hier, bis ihr Magen sich beruhigt hat oder will Sie mich in die missliche Lage bringen die Spuren dieses Missgeschicks durch den gesamten Bergfried hinter ihr beseitigen zu lassen?? Was sollen nur unsere Gäste denken!?"

Esra ist in der permanenten Anspannung nicht aufzufallen einem Herzinfarkt nah, da der Majordomos sie jetzt auch noch in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückt. Sie wird mit gesenktem Kopf nicken und allem beipflichten, was er anzubringen hat. Nur nicht zu Rondrik schauen ... Nur nicht Rondrik...

Esra kann die Unruhe nicht ganz niederkämpfen und so gilt ein Teil ihrer Aufmerksamkeit auch *Rondrik*, der die junge Tsa-Geweihte in Augenschein genommen hat und mit in Falten gelegter Stirn zu grübeln scheint. "... Jetzt kümmere Sie sich um das Bad der Fürstin oder mir ist ganz gleich, welche Empfehlung die Herrin von Darbonia für euch aussprach. Zackig! Und ich dulde keine weiteren Peinlichkeiten!" Mahnend hat der Majordomus den Finger gehoben und bedeutet jetzt mit einem Wink den übrigen Mägden und Dienern in dem Raum sich zurückzuziehen. Jergan, der gerade einen leeren Eimer in der Ecke des Raumes abstellt, wirft Esra einen bemitleidenden Blick zu. Dann stapft Ernbrecht wieder von dannen und raubt damit auch Esra die Deckung durch seinen kahlen Hinterkopf vor Rondriks Blick, der noch immer im Durchgang steht, während die Dienerschaft an ihm vorüberhuscht. Sein Blick ist lauernd, nachdenklich, aber zeigt auch Spuren von Verwirrung.

Sofort wendet sie sich ab und beginnt zu hantieren, fühlt aber auch Erleichterung, dass der Haus- und Hofmeister sie nicht von der Aufgabe das Bad auszurichten abgezogen hat. In Gedanken schickt sie ein Stossgebet zur Jungen Göttin und dankt ihr, dass sie ihr Kind beschützt, dient dies alles doch der Vermeidung weiteren Blutvergießens in der Wildermark. Sie beeilt sich so schnell wie möglich alles fertig zu bekommen, damit das Bad beginnen kann.
Die schweren rasselnden Schritte, die sich ihr über den kahlen Steinboden hinweg nähern, lassen Esras Herz bis zum Hals klopfen. Ein Räuspern ertönt, nur vielleicht anderthalb Schritt von ihr entfernt, während bedingt durch den klammen Fackelschein ein großer, wild zuckender Schatten auf sie fällt. "Verzeiht bitte, dass ich Euch bei der Erfüllung Eurer Pflichten ein weiteres Mal unterbrechen muss, werte Dame." Die Stimme des Hünen klingt tatsächlich überraschend angenehm und hallt im sanften Barriton an den Steinwänden des Bades wieder, in dem sich jetzt nur noch ihr beide befinden. "Ich wage es kaum diese Frage an euch zu richten, fürchte ich gar dass sie euch erzürnen könnte, aber ... Haben wir uns schon einmal gesehen? Sind wir uns nicht schon einmal begegnet?"

Herzstillstand. Dann wirbelt Esra so überrascht wie möglich herum. "Hoher Herr, ihr beliebt zu scherzen. Nein. Da irrt ihr euch wohl. Doch allein das mein Antlitz die Erinnerung an eine Dame in euch zu wecken scheint, erfüllt mich doch mit Stolz, die ich eine einfache Magd nur bin. Nun entschuldigt mich. Ich will die Fürstin in keinem Falle ungünstig stimmen, nach den vergangenen Stunden.“ Und damit drehe sie sich wieder um und verwünscht doch im Geist dieses ganze Unterfangen. In diesem kritischen Moment gelingt es Esra sich ein Herz zu fassen und sich voller Überzeugung, obwohl das durch ihre Ohren rauschende Blut zu einem ohrenbetäubenden Dröhnen angeschwollen ist, dem durchdringenden Blick aus den kalten, stahlblauen Augen von Rondrik zu stellen und ihm die Stirn zu bieten. Im Brustton der Überzeugung formuliert sie die wenigen aber entscheidenden Worte. Wie in Trance nimmt sie noch wahr, dass der Hüne noch so etwas wie eine Entschuldigung stammelt, aber wie beiläufig und beschäftigt von ihr stehen gelassen wird.

Einen tiefen Seufzer der Überzeugung unterdrückend, kehrt Esra in das Wohnquartier zurück, in dem gerade noch zwei Dienstmägde damit beschäftigt sind, eine Stellwand aus dünnem Holz aufzurichten und sowohl Badeutensilien als auch Handtücher auf an die Wanne herangezogenen Hockern anzurichten. Dann wenden sie sich zum Gehen, alles scheint bereit.

Mit Erleichterung aber noch immer pochendem Herzen gibt Esra der Fürstin Bescheid, dass das Bad nun bereit ist, indem sie an die ungeöffnete Tür klopft und es durch das schwere Holz raunt.
"Ausgezeichnet ... Wenn ihr mich jetzt entschuldigen mögt, Vater? ... Ihr dürft euch jetzt zurückziehen. Und wenn ihr so lieb wäret und kurz nach der armen Idra sehen könntet? Ich höre ihr Schluchzen durch die Tür." Ein kurzes Rasseln schreckt Esras überreizte Sinne auf, doch als sie herumwirbelt, sieht sie nur dass Rondrik beim kleinlauten Verlassen des Badezimmers mit der Stiefelspitze am großen Teppich im Wohnbereich hängengeblieben ist und beim Versuch sich festzuhalten beinahe einen kleinen Beistelltisch umgerissen hätte. Der Kerzenständer darauf schwankt noch kurz bedenklich, bevor er wieder in seiner stummen Wacht verharrt. Ein kurzer unziemlicher Fluch entfährt dem Recken und er murmelt mit hochrotem Kopf eine Entschuldigung bevor er sich aus Swantjes Gemach zurückzieht, dabei durch den immer noch unschlüssigen Blick, den er Esra noch abschließend zuwirft, beinahe noch mit der Schulter am Türrahmen hängenbleibt.

Mit einem kurzen Schreck fällt Esra auf, dass die Mägde, die sich bis sie das Quartier verließen noch an dem Waschbottich zu schaffen gemacht hatten, in Abwesenheit von Esra eben jene Utensilien dort ausgebreitet haben, welche sie noch absichtsvoll zurückhielt. Gerade fällt die Tür hinter Rondrik ins Schloss und der stolze, aufrechte Gang eines Edlen verrät, dass auch Ucurian die Tür von Swantjes Gemach in wenigen Augenblicken erreicht haben dürfte.

Der waghalisge Sprung gelingt und auch dem tückischen Teppich, dem beinahe Rondriks Würde zum Opfer gefallen wäre, entgeht sie mit ihrem entschlossenen Sprung in Richtung der eingedeckten Hocker. Ein kurzer, gehetzter Blick und Esra hat die Wahl. Sie wird nicht alles mitnehmen können: das Handtuch, das Swantje definitiv brauchen wird, dass aber zu gross ist um es vor Ucurian zu verstecken, sollte sie nicht schnell genug sein. Die Bürste? Die Seife? Ein leises Knarren verrät, dass Ucurian seine Hand auf den Türgriff legt. Kurzerhand entscheidet sie sich für die Seife. Mit einem Knarzen und dem schweren Schnarren der leidlich geölten Scharniere öffnet sich langsam die Tür. Die Seife liegt mit einem Mal gefühlt sehr rutschig und unsicher in ihrer Hand als Esra mit leisen, schnellen Schritten zur Tür zum Waschraum zurückeilt. Esra ist zu diesem Zeitpunkt schon schweißgebadet. Sie schwört sich, sich nie wieder auf das Parkett der politischen Intrigen zu begeben und sich für solch eine Sache einspannen zu lassen.

Mit Schrecken wird der jungen Tsa-Geweihten bewusst, dass Esra es nicht rechtzeitig schaffen wird, die Tür ist schon zu weit geöffnet, als dass Ucurian sie jetzt nicht beim Davonstehlen sehen würde. Zwei Optionen kreisen in ihrem Kopf. Stehen bleiben und sich versuchen zu erklären oder mit sich lautlos hinter der Trennwand verbergen, die sie von dem Bottich selbst und auch Ucurian trennen würde. Mit rasendem Herzen erreicht Esra gerade noch rechtzeitig den Sichtschutz aus dünnem Holz und presst sich so eng es eben geht, ohne sich auch dieses Verstecks zu berauben gegen die sorgsam bemalte Oberfläche. Sie hält den Atem an, als Schritte über den Steinboden hallen und schließlich vom Teppich verschluckt werden. Ist Ucurian stehen geblieben? Schaut er sich misstrauisch um? Zeichnet sich gar ihr umriss hinter dem Holz ab? Sie wagt es kaum zu atmen. Ein stummer Hilferuf eilt zu den Zwölfen ...

Dann die Erlösung als am Ende des Raumes seine Schritte ihre Fortsetzung finden und der messingverzierte Türgriff quietscht, nur um kurz darauf wieder schwer ins Schloss zu fallen. Nur wenige Augenblicke später und während Esra noch erwägt jetzt schnell in den Waschraum zu schlüpfen, sind leise die Geräusche nackter Fusssohlen zu hören, die sich an den Steinboden schmiegen. Das muss Swantje sein.
Das Plätschern und Gurgeln des Wassers verrät Esra den Moment, in dem Swantje in den Waschzuber steigt. Fast ein wenig verschämt und mit ins Gesicht aufsteigender Röte linst sie durch den schmalen Spalt auf die ihr seitwärts zugewandte Schönheit, die sich mit sich offen über ihre Schultern bis zu ihrem wohlgeformten Gesäß ergießenden blonden Haaren behutsam und mit genussvoll geschlossenen Augen in das dampfende Badewasser sinken lässt. Tatsächlich kann Esra einen kurzen Blick auf ihre linke Schulter erhaschen. Abgesehen von ein paar kleinen, verloren wirkenden Leberflecken ist dort nichts zu sehen, was einem Muttermal gleichkäme. Aber war es die linke Schulter? Oder die Rechte? Was hat Answin vor ein paar Tagen noch zu Paske gesagt? Auch er war sich letztens nicht sicher ...

Um ganz sicher zu gehen, entscheidet sich Esra sie noch weiter zu beobachten, in der stillen Hoffnung, dass sie ihr irgendwann auch die andere Schulter zuwenden wird. Nachdem Swantje in die Wanne gesunken ist, entringt sich ihrer Brust ein Seufzer und sie macht erst einmal keine Anstalten sich zu bewegen. Nach einer gefühlten Ewigkeit in Esras dennoch erschreckend zugänglichen Versteck tastet sie erst forschend hinter sich, dann wendet sie der Trennwand ihr Gesicht zu, als sie die bereitgestellten Hocker offenbar nach der Seife abzusuchen scheint. Kurz streift ihr Blick den von Esra und wieder schwillt Esras Herzschlag bis zum Hals. Nein. Sie hat es geahnt. Das musste ja kommen. Jetzt wird sie Esra rufen und sie steht hinter der Trennwand.

"Irina? Irina?? Mir scheint, die Seife wurde vergessen?" Mit an ihren Schultern klebenden, durchnässten Haaren beugt sich Swantje leicht über den Rand der Wanne und sucht mit ihren Augen den Teppich nahe der Hocker ab. Mit Entsetzen durchfährt Esra die Erkenntnis, dass ein zu lautes Rufen von der designierten Fürstin auch die Leibwächterin vor der Tür auf den Plan rufen könnte. Sie muss handeln, wenn sie das verhindern möchte. Wie versteinert bleibt sie stehen und beobachtet die Fürstin ratlos und überschlägt abermals ihre Optionen. Ungesehen Richtung Tür schleichen? Unwahrscheinlich … sowohl zur Tür zum Waschraum als auch zur Eingangstür hat Swantje freie Sicht. Dann durchzuckt Esra unvermittelt ein Geistesblitz. Die Tür zu Swantjes Kammer wäre näher …

Dass es dennoch ein Wagnis wäre, ist Esra aber bewusst.

"Hallo? Irina? Ist alles in Ordnung??" Swantjes Stimme gewinnt an Lautstärke und Intensität.

Aus der Not heraus riskiert sie es, immerhin führt von dort aus wieder eine Tür zum Abbort und von da aus auch in die Waschküche, in der sie sich jetzt eigentlich befinden sollte. Mit katzenhafter Geschmeidigkeit, die sie auch selbst ein wenig überrascht, huscht Esra über den sonst jedes Geräusch transportierenden Steinboden, schlüpft durch die noch geöffnete Tür und drückt sich im Inneren erst einmal eng gegen den kalten Stein der Wand. Das Herz klopft ihr wieder bis zum Hals. Zum wiederholten Mal stellt sich ihr die Frage, warum bei allen Göttern sie sich auf diese waghalsige Mission eingelassen hat. Nachdem sie sich innerlich etwas beruhigt habe, ruft Esra in den Raum, dass sie sogleich mit der Seife zu ihr eilen würde.

Gerade als Esra ihre Ankündigung mit hinter vorgehaltener Hand in Richtung Swantje gerufen hat und das Plätschern des Wassers davon kündet, dass die Fürstin sich wieder in die Umarmung der glucksenden Fluten überantwortet, fällt Esras stets wachsamer Blick auf den kleinen Schreibtisch nahe des großzügigen, herrschaftlichen Bettes. Ein kleines Detail, eines, das vielen, die weitaus weniger aufmerksam sind, entgangen wäre, fällt ihr ins Auge. Wie, kann sie sich nicht erklären, rast doch noch immer ihr Puls und ihre Gedanken kreisen fieberhaft um den Wunsch diese trutzige, von Feinden bevölkerte Burg umgehend wieder zu verlassen. Von einige Pergamenten, die wohl hektisch und überstürzt wieder verräumt wurden, ragt nur die kleine Spitze einiger Seiten unscheinbar aus der obersten, nicht zur Gänze geschlossenen Schublade. Eine Abweichung von der sonst hier vorherrschenden Aufgeräumtheit. Von den sorgsam zusammengelegten Kleidern, dem glatt gestrichenen Bettzeug und den sonst so sorgfältig platzieren Elementen aus Swantjes Habe. Wagt Esra es eine weitere Verschleppung des Wunsches ihrer "Herrin" in Kauf zu nehmen? Vielleicht ist es auch nichts, nur das Abfärben der sich in diesen Mauern stauenden Paranoia. Ihre überreizten Sinne, die ihr einen Streich spielen.

Auch wenn es sie wahrscheinlich in die Küche der Niederhöllen bringen wird: sie nähert sich geräuschlos dem Schreibtisch und zieht die Schublade ganz langsam ein winziges Stück auf. Und achtet peinlich genau darauf es dann zu tun, wenn Swantje in der Wanne gerade Geräusche macht.

In der sonst für den Besuch geleerten Schublade findet Esra einen speckigen und abgegriffenen Ledereinband, aus der die besagten verräterischen Zipfel einiger Pergamente ragen. Es ist mit einer nicht ganz festgezogenen um einen hölzernen mit einem Falken versehenen Knopf gewickelten Kordel verzurrt, wurde aber offensichtlich hastig hier hineingeworfen. Im Nebenraum hört Esra Swantje leise murren. Offensichtlich scheint sie mit der von Arnhild von Darbonia empfohlenen Zofe und ihrer gebotenen Leistung nicht zufrieden zu sein. Ja, gar ein wenig enttäuscht.

Der Einband ist zu groß um ihn in seiner Gänze einzustecken. Dazu wäre er etwas zu steif, die einzelnen Pergamente hingegen ließen sich zusammenrollen und mit etwas Geschick verstauen. Je mehr natürlich umso schwieriger. Mit zitternden Fingern nimmt Esra das Dokument aus der Schublade und macht sich an der Kordel zu schaffen. Gerade als sie glaubt den Einband geöffnet zu haben, rutscht der offensichtlich schwere, weil seitenstarke Inhalt zurück gegen den Lederrücken und entgleitet ihrem Griff, bevor sie reagieren kann. Raschelnd schlupfen einige Seiten durch ihre Finger und gleiten mit in ihren Ohren betäubender Lautstärke zu Boden. Götter! Swantje muss das einfach gehört haben.

Esra ist in diesem Moment bewusst, dass sie sich in Swantjes Privatgemächern befindet, in denen sie eigentlich nichts verloren hätte. Keine Waschutensilien. Möglicherweise könnte man es als kleines Missgeschick auslegen, wenn Esra um Zeit zu sparen von Idra den kürzesten Weg zur Wanne wählen würde. Neben einem Bett und dem besagten Schreibtisch finden sich hier auch noch zwei große Schränke aus dunklem Holz und ein kleiner Hocker. Zwei schmale Schießscharten beleuchten die Szenerie im schummrigen Licht des sich zunehmend verdunkelnden Himmels und vermischen sich mit dem Schein der Kerze auf dem Nachttisch. Atemlos lauscht Esra in die Stille. Nur das leise Plätschern aus der Wanne dringt an ihr Ohr, liefert aber keine Anzeichen für eine gesteigerte Eile oder Alamiertheit der Tochter Ucurians. Ist es möglich, dass die Adelige sie nicht gehört hat? Ihr Phex in diesem Moment hold war? Was auch immer sie zu tun gedenkt, sie muss sich eilen.

Den Göttern sei Dank! Sie rafft die die Unterlagen zusammen, wirft nur einen ganz kurzen beiläufigen Blick auf deren Inhalt um zu erkennen ob sie wohl relevant sein mögen. Die erste Seite ist ein nicht unterzeichnetes Anschreiben, in dem der unbenannte Verfasser um die Zerstörung der Unterlagen nach dem vollständigen Studium bittet. Mit aufgewühlt zitternden Fingern blättert Esra um und überfliegt die nachfolgenden Zeilen. Wichtige und persönliche Details über Swantjes Werdegang, ihre Zeit im Exil, Namenslisten, Daten ... Ihr kreist der Kopf. Alles wird sie nicht mitnehmen können, dafür fällt das Dokument zu groß aus, aber das Deckblatt und einige zufällig erwählte Auszüge aus dem Dokument könnte sie sicherlich in ihrem Gewand unterbringen. Natürlich nimmt sie auch die erste Seite mit, auf der Swantjes gesamter Titel aufgeführt ist.

Swantje oder wie auch immer ihr Name lauten mag, hatte offensichtlich mit Schwierigkeiten zu kämpfen sich die Einzelheiten dieses ausführlichen Manifests zu verinnerlichen. Wer könnte es ihr verübeln ... Ucurian hatte sie wohl anderes erzählt und versucht bei seinem unangemeldeten Auftauchen einen peinlichen Beweis für ihre Täuschung verschwinden zu lassen.

Ein bedeutungsvoller Fund und Beweis, der Ucurian vor seinen Verbündeten im Falkenbund das Gesicht kosten könnte. Ebenso wächst aber auch Esras Aufregung, sie wagt sich kaum auszumalen, was mit ihr geschehen wird, wenn sie mit den belastenden Unterlagen noch im Inneren der Burg erwischt würde. Tatsächlich gelingt es Esra die wahllos herausgegriffenen Seiten in ihren Beinkleidern, ihrer Corsage oder unter der Bluse so zu verstauen, dass nichts davon bei oberflächlicher Betrachtung auffiele. Ihre Übung in kleineren Gaukeleien und Zauberstücken machen sich bezahlt. Es bleibt nur zu hoffen, dass sie niemand einer genaueren Untersuchung unterzieht. So wie sie das Pergament am Körper spürt, würde auch einem anderen auffallen, dass hier etwas nicht stimmt. Sie trägt möglicherweise das Schicksal des Falkenbundes am Körper.

Dann eilt sie zu Swantje um ihr die Seife zu bringen. Über kurz will sie jetzt nur noch raus aus der Burg. Unwillkürlich drängt sich ihr die Frage auf, wo Aruna sich wohl befinden mag. Die falsche Swantje zuckt in der Wanne kurz erschrocken zusammen, als Esra von hinten an sie herantrittst und sich entschuldigt, sowie sich nach weiterem Begehr der Adeligen erkundigt. Die schwüle Wärme, die sich in dem fensterlosen Zimmer jetzt ausgebreitet hat, hatte sie wohl kurz einnicken lassen. Sie wirft einen kurzen Blick über die Schulter und setzt kurz eine tadelnde Miene auf, während sie mit einer Hand zumindest einen Teil ihrer Blöße bedeckt und mit der anderen die Seife entgegennimmt. "Irina, ich möchte Sie darum bitten mein Zimmer doch nach Möglichkeit nicht als Durchgang zu verwenden. Wenn die Gerüche aus dem Abbort auch mein Quartier durchdringen, wird Sie es sein, die Idras Verfehlung nachher bereinigen darf." Dann beschließt sie ihre Worte aber mit einem huldvollen Lächeln. "Aber im Moment gibt es nichts, was Sie für mich tun könnte. Kommt in ein paar Minuten wieder und bringt mir das grüne Gewand, dass dort über der Trennwand hängt. Wir haben leider nicht mehr viel Zeit."-„Natürlich Herrin!“ Sie zieht sich zurück und klopft bei Idra, ob es ihr besser geht. Gedanklich ist Esra aber bei Aruna und der Flucht. Wo Aruna sich befindet, weiss Esra nicht, zuletzt befand sie sich in der Gesellschaft von Arnhild von Darbonia. Wohl auf dem Weg zu den Gemächern des Barons. Sie hat furchtbare Angst mit den Papieren entdeckt zu werden und überlegt, wie sie diese loswerden kann. Aus den Schiesscharten werfen? Aber wie soll man sie dann später finden und in welche Hände mögen sie geraten?

Esra bedauert ebenso, dass es keine Möglichkeit gibt mit den beiden Magiern in Kontakt zu treten, vielleicht hätten diese Rat gewusst. Sie aus den Schiessscharten zu werfen, IST eine Möglichkeit, aber je nach Richtung des Windes könnten die Dokumente überall landen. Im Inneren Ring, in dem sich Aruna und Esra ihrer kurzen Pause widmeten, auf den von Söldnern besetzten Mauern oder gar im Burggraben. Zudem kündigen düstere schwarze Wolken Regen an. Dann bringt sie Swantje das geforderte Kleid von der Trennwand und erkundigt sich, ob sie ihrer noch Bedarf, denn auch den Majordomus möchte sie nicht verärgern.

"Nun, da Idra sich den Magen ganz schändlich verdorben hat, wäre es für mich vonnöten, dass ihr mir mit der Corsage und den Schultern des Kleider zur Hand geht. Alandra??" ruft sie mit lauter kraftvoller Stimme und die Leibwächterin tritt ein. Mit einem Mal fühlt sich Esra fürchterlich nackt, als der aufmerksame Blick der Kriegerin der Lederrüstung über sie wandert. "Lasst den Majordomus darüber in Kenntnis setzen, dass ich der Dienste Irinas nicht mehr bedarf, sobald sie mir mit dem Kleid geholfen hat. Er möge einen Diener schicken, der Sie in ihre Unterkunft geleiten soll."

Einerseits ist Esra erleichtert darüber, dass sie bald aus den Diensten Swantjes entlassen ist, andererseits ist sie aber auch auf der Hut sich nicht noch im letzten Moment zu verraten. Tatsächlich dauert es nicht lang bis eine der Bediensteten eintritt, während Esra sich gerade an den Schnüren der Corsage zu schaffen macht. Sie zieht sich wortlos in eine der Ecken des Wohnquartiers zurück, während Alandra im Durchgang zum Turmkern Position bezieht. Die Tür nach draussen lässt sie nur angelehnt, wirft aber immer wieder flüchtige Blicke auf den nur selten von Schritten widerhallenden Flur. Swantje ächzt unter dem Druck der enganliegenden Corsage und sie wirft einen Blick zu der untätigen Magd. "Etwas Wein wäre jetzt vortrefflich." Alandra ist es, die ihr von einem knappen Kopfschütteln begleitet, antwortet. "Verzeiht, meine Fürstin, aber ich bitte euch so kurz vor dem Fest davon abzusehen. Vielleicht bekommt der schwere, märkische Wein auch Euch nicht gut." Die falsche Fürstin Irmegunde II. seufzt verdriesslich. "Ich werde dafür Sorge tragen, dass Idra für ihre Frechheit und die unangenehmen Umstände auch eine angemessene Strafe erhält." Wortlos widmet Esra sich weiter den abschließenden Arbeiten an dem hochherrschaftlichen Kleid. Sie äussert kein Wort, um nicht in irgendwelche Erklärungen verwickelt zu werden und arbeitet mit gesenktem Blick. Ich versuche mich nicht zu viel zu bewegen, damit das Papier nicht raschelt. Es reut sie, dass sie Idra solchen Schaden zufügen musste, der nun noch geahndet wird. Aber es ist klüger zu dieser Sache hier zu schweigen. Möge sie bei der Göttin später ihr Gewissen erleichtern.

Es dauert auch nicht lang, bis Esra aufgrund ihrer guten Kenntnisse in Schnitt- und Schneiderkünsten ihr Werk vollendet hat. Auch das Lächeln, das sich im Mundwinkel der blonden Schönheit abzeichnet, überzeugt Esra davon, dass sie hier in diesem Punkt genau die Form von guter Arbeit abgeliefert hat, die Swantje nach den blumigen Worten Arnhilds zu erwarten schien. Daraufhin gesellt sie sich auf respektvolle Unterwürfigkeit bedacht an die Seite der Dienerin und strebt Alandra entgegen.

"Ich wünsche der Fürstin einen angenehmen Abend und erlaube mir, mich nun wieder den Diensten des Majordomus zu unterstellen. Möge man mich dorthin geleiten." Die Dienerin nickt und lächelt kurz freudlos. Alandra tritt aus dem Durchgang zur Tür zurück und macht den Weg frei. Unvermittelt durchschneidet Swantjes Stimme die konzentrierte Stille, in der sich jeder bereits neuen Aufgaben zuzuwenden scheint. "Gehe ich Recht in der Annahme, dass Alandra nun, wenn sie euch durchsuchen sollte, nichts von dem vom Baron hochgeschätzten Tafelsilber in Euren Taschen fände?" Ihrem Unterton haftet etwas Lauerndes an. "Die Herrin von Darbonia wählte mich nicht ohne Grund, die ich als aufrichtig und verschwiegen gelte. Mögt ihr die Wahl der Herrin hier anzweifeln, so steht es euch zweifelsfrei zu, mich hier zu prüfen, werte Frau", erwidert Esra mit beleidigter Miene. Oh Phex, so hilf noch dieses eine Mal, so fleht sie innerlich. Dukaten will ich auch in deinen Tempel bringen!

Während Alandra noch einen Schritt auf dich zumacht, erklingt das glockenhelle Lachen von Swantje hinter dir. "Gebe Sie sich doch nicht so verstockt. Verzeiht, Irina, ich konnte es nicht lassen. Das war ein Scherz." Dann nickt sie Alandra zu, die wieder zurücktritt. Ihre Augen wirken wie glühende Kohlen, die über Esras vor ihr entblößt wirkenden Körper gleiten. Das Verbergen, das Lügen verursacht Esra beinahe körperliche Schmerzen. Aber Phex hat schützend seine Hand auf ihre Schulter gelegt. Wahrscheinlich lächelt er sogar.

Als das Rauschen in Esras Ohren der Erleichterung weicht, richtet sich ihr Geist auf eine andere Quelle von Geräuschen. Aufgeregt eilende Schritte über die dielenbelegten Zwischenböden, vom Holz gedämpfte, aber gleichermaßen vom Stein bis zur Unkenntlichkeit verzerrte Rufe. Schreie? Ein stumpfes, jeglicher Farbe beraubtes Gewirr aus klirrenden Tönen. Was geht hier vor sich? Oh Phex! Mein Wort werde ich nicht brechen, schwört sie noch im Stillen. Ich danke dir! Chaos? Schiesst es ihr daraufhin durch den Kopf. Vielleicht ihre Chance doch verschwinden zu können...

Die Dienerin, die vor dir auf den Zwischengang tritt, erstarrt plötzlich in ihrer Bewegung. Nur einen Sekundenbruchteil zuvor, glaubte Esra so etwas wie ein Sirren, gebettet in den Hall ihrer eigenen Schritte zu hören. Nur einen Augenblick später ragt die blutgetränkte Spitze eines Pfeils aus dem Hals der jungen Magd. Während das Pochen ihres Herzens zu einem düsteren Trommelwirbel anschwillt, schwingt noch das gefiederte Pfeilende auf der anderen Seite aus. Entseelt stürzt die junge Frau zu Boden und mit Schwielen übersäte Hände legen sich um die junge Tsageweihte als sie sie zurückreißen. "Zu den Waffen!" brüllt Alandra nahe an ihrem Ohr. "Schützt die Fürstin!!" Ihr Ruf hallt an den Wänden wieder, dann stößt sie im Fallen mit einem beherzten Tritt die schwere Eichenholztür zurück in den Rahmen. Swantjes entsetzter Schrei wird vom krachenden Einschlag der Tür übertönt. Ein Gewirr an Schritten, das Singen von Klingen, die aus ihren Scheiden gerissen werden. Kampfeslärm ... Und vor der Burg setzt begleitet von fernem Donner der Regen ein.
Panisch rappelt Esra sich auf und flüchtet zuerst einmal hinter die Trennwand. Esras Gedanken rasen. Wer wagt einen offenen Angriff auf die Burg? Wie kann sie sich in Sicherneit bringen? Sie schaut zu Alandra, deren Griff sie noch schaudern lässt, ob sie das Papier wohl gefühlt hat, oder abgelenkt war. Und noch etwas anderes hat die stolze und erfahrene Kämpferin für einen Moment in ihr angerührt... Sollte sie sich an Swantje halten, die von Alandra sicher beschützt wird? Vielleicht würde ihr auch dies zuteil?
Session: Der Zug der Fürstin - Die Windkönigin - Monday, Jul 10 2017 from 10:00 AM to 1:00 PM
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Unbesiegbar
Heerlager des Talfer Bundes, Wildermark, in den letzten Tagen der Rondra 1033 BF

Für einen kurzen Moment schien Wulfgar zu straucheln, ganz wie jemand dessen Schild gerade unter einem mächtigen Hieb zerschmettert worden war. Seine Hand stemmte sich auf das stützende Holz des schweren Eichentisches, der in der Mitte des von der Wärme des jetzt noch über den Horizont hinwegblinzelnden Praiosauges aufgeheizten Zeltes gefunden hatte. Seine Hand zitterte. Unmerklich, aber dennoch stark genug als dass Aruna es wahrnehmen konnte.

“Wir ... Ich ... Warum bei den Göttern ... warum hast du es mir nicht gesagt? Niemals hätte ich dich mit den anderen ziehen lassen ...“ Seine Stimme verlor mit seinen Worten zunehmend an Kraft, wurde heiser und presste die wenigen Sätze nur umso eindringlicher und mühsam zwischen seinen Lippen hervor. Und dennoch wirkte es so, als wäre das Gros seiner Worte an sich selbst gerichtet. Als würde er noch vergeblich versuchen zu begreifen, was sie ihm gerade eröffnet hatte.
Aruna war auf die Knie gesunken, mit hängendem Kopf und Schultern ruhte sie, zitternd und bebend auf dem flachgetreten Boden des vögtlichen Zeltes.

Sie hob den Blick und mit schmerzerfüllter Miene und aus tränenerfüllten Augen sah sie an dem Weidener Krieger empor.
"Eben darum, Wulfgar." Sie schluckte und schluchzte.
"Niemals hättest du mich ziehen lassen, nicht nur Gallys... auch..." ihre Lippen bebten. "Talf... Eldrinn, Esra und Paske hätten Talf aufgegeben... wir..." Die Stimme der sonst so stolzen und aufrechten Amazone drohte zu brechen und sie hielt einen kurzen Augenblick inne, um sich mit den Handflächen über das Gesicht zu streichen. Die beiden wiederspenstigen Strähnen ihres kastanienbraunen Haares ließen sich zwar durch keine Macht dieser Welt bändigen, doch die Tränen konnte sie sich von den Wangen streichen.

"Wenn ich nicht... wir... wir stünden ganz alleine hier. Umzingelt von Feinden... was hätte ich denn tun sollen?!"
Es war weniger ein Vorwurf an den Moosgrunder Recken als ein verzweifelter Hilfeschrei an sich selbst.

In Wulfgar brodelte der Wunsch sich von dem Tisch abzustoßen und die Lücke zu schließen, die sie trennte, vor ihr auf die Knie zu gehen und ihren Kopf mit seinen Händen zu stützen um ihr in die Augen zu sehen und zuzuraunen, dass alles gut werden würde. Ganz so wie damals, als sie Ludalf von Wertlingen vor den Attentätern des verräterischen von Drôlenhorst gerettet hatten. Als er seine starke Löwin zum ersten Mal unter der Last ihrer Gefühle hatte zusammensinken sehen ... doch seine Beine folgten dem stummen Impuls nicht, seine Muskeln waren wie erstarrt, verkrampft in dem unsäglichen Schmerz, der in seinen Adern der feurigen Glut einer Esse gleich in seinen Adern pochte.

Eine Art von Schmerz, den er in dieser Form nicht kannte und alles überstieg, was selbst die schartigen Schwerter des Finstermannes in seinem Körper losgetreten hatten. Kluge, mitfühlende Worte kreisten in seinem Kopf, zerplatzen aber, sobald er in dem Funkensturm in seinem Inneren nach ihnen fischte. Seine Zunge klebte am Gaumen, löste sich nur schwerfällig und in der Anmutung unendlicher Erschöpfung, die sich in seinem Körper breitmachte. Das Mal der Alveranierin Raskorda auf seiner Brust schien zu glühen und er spürte wie es auf seiner Haut brannte, als würde jemand ein frisch aus dem Feuer gezogenes Brandeisen auf seine Haut pressen.

“Ich ... Talf ... Wir ...“ setzte er mehrfach vergeblich mit erstickender Stimme an. “Warum? Aruna ... Warum?“ Alles, jeglicher Gedanke in seinem Kopf wand sich schlangengleich um diese eine Frage, beraubte ihn jeglicher Kraft und Farbe in seiner sonst so tönenden Stimme. Seine Worte klangen hohl und dumpf in seinem Schädel nach. Fremd ... als hätte er sie nicht selbst ausgesprochen oder erkannte sich selbst nicht wieder.

“Ich hätte nie ...“ Er hatte ... das war das “Aber“ das ihm selbst dieses letzte Ansetzen unter den wackeligen Beinen wegzog. Irgendwie gelang es ihm seinen freien, bislang nutzlos an seiner Schulter hängenden Arm zu regen, ihn wie unter großer Anstrengung emporzuschieben und in einer Geste wortloser Betroffenheit seine Hand auf Mund und Kinn zu legen. Eine Geste der Hilflosigkeit, die in grellem Kontrast zu der aufkeimenden Verzweiflung in seinen trübe schimmernden, blauen Augen stand. Er hatte das Gefühl zu fallen.
Mit nahezu unerträglichem Schmerz in den Züge blickte die junge Amazone erneut auf zu ihrem Gegenüber. Unter einer Grimasse presste sie ihre Lippe aufeinander und schloss die Augen.

"Ich... ich kann dir keine... Antwort geben, die dich zufrieden stellen würde," presste sie vorsichtig und mit wankender Stimme zwischen ihren Lippen hervor. "Ich weiß nicht, vor welche Prüfung die Götter mich... uns... hier stellen und wieso all das geschehen ist."
Aruna schluckte und presste die Augenlider aufeinander. Tränen rannen ihre Wangen herab und fielen von ihrem Kinn.

"Ich wollte dich nicht damit belasten... natürlich hätte ich es dir früher oder später gesagt... aber... wir haben Aufgaben hier... Bestimmungen... Menschen, die ihre Leben in unsere Hände gelegt.." erneut zeichneten tiefe Falten die Stirn der Amazone und der Schmerz hinterließ tiefe Schatten über ihren Zügen.

"Ich habe das... nicht gewollt. Natürlich nicht. Ich wollte ihn nicht... Reto... ich wollte ihn nicht töten... müssen. Aber... aber als ich das Gift spürte, das auf seinem Dolch...". Sie schluckte und verstummte, stützte sich mit einer Hand auf den Boden und schüttelte wortlos den Kopf.

Ihre Blicke begegneten sich kurz, aber Wulfgar gelang es kaum der Verzweiflung in ihren tränengefüllten, dunklen Augen standzuhalten, bevor sein Antlitz abwenden musste und die Hand sinken ließ. Doch in seine Trauer, den Schmerz über den Anblick seiner gebrochenen Geliebten und längsten Freudin und seine eigene Machtlosigkeit mischte sich etwas anderes. Kalte, brutale Wut ... er ließ die Hand nicht einfach sinken, er ballte sie zur Faust und mit einem wütenden, markerschütternden Brüllen fegte er Pergamente, hölzerne Figuren und einen schweren Lederband vom Tisch in seinem Rücken, der mit einem dumpfen Geräusch eines trotzigen Aufschlages auch ein kleines Tintenfässchen und ein Bündel Federn mit sich in die Tiefe riss.

Er spürte den Schmerz, der durch das unnachgiebige Holz in seine weiß gewordenen Knöcheln drückte, aber vor dem Toben, dem Zerren in seinem Körper verblasste wie vereinzelte Wassertropfen auf vom Praiosauge erhitzem Pflaster. Seine Unterarme, seine Schultern, sein ganzer Körper bebte. Einige Augenblicke lang verharrrte er in dieser Haltung, abgesehen von dem diesem Zittern regungslos ... schweigend ... sein starrer, lodernder Blick bohrte sich in die feine verästelte Maserung der Tischplatte. Er schloss die Augen ... nur kurz, aber lange genug um den nebelhaften Schleier abzustreifen, der sich über seinen Blick herabgesenkt hatte.

Er verdrängte die Bilder, die in ihm aufstiegen ... von Momenten, die gewesen waren und jenen, die nie so stattgefunden hatten ... um die sie sich selbst gebracht, betrogen hatten ... die Nacht, die das Ende des Finstermannes aber auch den Ausbruch ihrer lange sorgsam weggesperrten Gefühle gesehen hatte ... ihren ersten sich kreuzenden Blick, in dem noch etwas anderes ausser ihrer bedingungslosen Freundschaft verborgen lag ... die Stunden, in denen sie sich auf zerwühlten Laken engumschlungen und herumalbernd unter dem durch das geöffnete Fenster herabscheinenden Praiosmal geräkelt und scherzhaft über Namen unterhalten hatten ... Arunberth, Kunigunde, Ulfhelm, Perainer ... er kämpfte mit den Tränen.

Unbesiegbar, unverwundbar hatten sie sich gefühlt ... war es real oder nur ein Abbild dessen, was ihnen jetzt so unvermittelt, so plötzlich genommen worden war? Er hatte keine Gelegenheit ... er schluckte und versuchte vergeblich den Kloß in seinem Hals wieder herabzuwürgen. Er fühlte, wie der Zorn seinen hässlichen Hals durch die enggesteckten Grenzen seiner Wahrnehmung reckte und die Wut erneut in ihm emporkochte. Auf Aruna, seine Gefährten, die sie nicht hatten beschützen können. Auf sich selbst, dass er seine Zeit hier in diesem Zelt mit den Spitzfindigkeiten oberflächlicher Adeliger und nicht bei ihr ... nicht an ihrer Seite verbracht hatte ... Auf die Götter ... tränenblind blinzelnd tastete er nach dem hölzernen Falken mit den ausgebreiteten Schwingen, der sich wie im Hohn seinem Wutanfall entzogen hatte und begrub ihn in seiner Faust. Und drückte zu. Bis sich die stumpfen Spitzen seiner Flügel in seine Handfläche bohrten.

Die niedergeschlagene, noch immer auf Knie gesunkene Amazone beobachtete den weidener Krieger mit feuchten, traurigen Augen. Mit zitternden Beinen erhob sich ihr geschundener Körper mühsam. Zögernd, langsam und vorsichtig machte sie einen schwankenden Schritt vorwärts und streckte behutsam die Hand nach seiner Schulter aus.

Als ihre Hand sich unversehens auf seine Schulter legte, zuckte der Hüne unwillkürlich zusammen. In jedem anderen Moment hätte er sich die Wärme ihrer Berührung herbeigesehnt ... aber nicht in diesem. Er fühlte sich erschreckend nackt, verletzlich und das obwohl ihm das bei Aruna unter normalen Umständen niemals unangenehm vorgekommen kam. Er wollte nicht, dass sie ihn so sah, ihm in die Augen blicken und von seiner eigenen Trauer und ziellosen Wut darin würde lesen können. Er wollte ihr der Fels in der Brandung sein, der er immer gewesen war, aber er fühlte wie ihn der Strom seiner Empfindungen trotz aller verzweifelten Bemühungen dagegen anzupaddeln, mitriss. Hätte er Anzeichen für das ungeborene Leben unter ihrem Herzen erkennen können, ja ... müssen?

Wieviele Entscheidungen hätte er umgekehrt und geändert, wenn die Zeit ihm die Möglichkeit dazu gegeben hätte? Spielte es noch eine Rolle? Er oder sie, ihr ungeborenes Kind trieb namenlos und vergessen in Satinavs Sog. Ein Zeichen der jungen Göttin, das sie für einander bestimmt waren, widerrufen in der Hitze eines Augenblicks. Aufgrund der Taten eines einzelnen Mannes und einer feige vergifteten Klinge ... die Berührung ihrer Hand wirkte so zart, gleichzeitig so ungeahnt kraftlos. Wenn er sie jetzt erwidern würde ... befürchtete er das Aruna zerspringen könnte. Diese Wut trieb ihre Wurzeln tief unter seine Haut und instinktiv wusste er, dass die Flammen seines Zornes, die in seinem Körper ihr hungriges Mahl hielten ihr keine Wärme spenden würden.

Er konnte ihre Hitze spüren und das Ziel, dass sie an verbrannten Armen ins Zentrum seines Bewusstseins hoben, fühlte die aus seiner Handfläche sickernde Glut, die den umklammerten Falken zu ertränken suchte. Ihm seine kümmerlichen Flügel abreißen und ihr geiferndes, reißzahnbewehrtes Maul in seinen Nacken schlagen wollte. Er entwand sich ihrem Griff und schleuderte die Holzfigur mit einem weiteren wuterfüllten Brüllen in eine entlegene Ecke des Zeltes. Seine ungesehenen Tränen verdampften sobald sie seine vom daruntertobenden Feuersturm glühende Haut berührten. Zumindest fühlte es sich so an.

Benommen stolperte er ein oder zwei Schritte gegen sich seinen Weisungen widersetzenden Beinen vorwärts und stützte sich wankend gegen den Stützbalken in der Zeltmitte, während er die freie Hand vor das Gesicht schlug. Seine Schultern zuckten unkontrolliert, als sich sein Schluchzen entgegen aller inneren Widerstände Bahn brach.
“Götterverdammt, Aruna!“ zwängte er zwischen zusammengepressten Zähnen hervor. Sein Blut tobte ohrenbetäubend durch seinen Schädel. Er tobte vor Wut und spürte dennoch wie schwach er sich fühlte, während er zerrissen zwischen unbändigem, entfesselten Zorn und lähmender Traurigkeit trieb wie ein abgebrochener Ast in den schäumenden Fluten des Pandlaril.

“Wovor hast du dich so sehr gefürchtet, dass du es mir nicht sagen konntest? Davor, dass ich alles, was zwischen uns wahr Lügen strafen und dich alleine lassen könnte?? Dass ich ausgerechnet in diesem Moment eine Seite an mir entdecken könnte, die mich in der ärgsten Schlacht von deiner Seite weichen ließe??“ Das Mal auf seiner Brust schien im Takt mit seinem Herzschlag zu pulsieren.

“Ja, im schlimmsten Fall hätte ich dich auf Graf Hagen gebunden und notfalls unter Zwang aus diesem verfluchten Landstrich geschleift! Einmal, nur ein einziges Mal wäre es nur um uns gegangen! Ohne die ganze, verfluchte Verantwortung, die wir niemals wollten! Niemals gesucht haben!! Einmal nur aus diesem ständigen Ringen, dem täglichen Kampf auszubrechen, in dem wir ständig nur darauf achten müssen nicht auf das falschen Wappen zu pissen!!“ Wulfgar kam ins Stocken, verschluckte die unausgesprochenen, tief in ihm gehegten Gedanken, die ihn begleiteten, seitdem sie begonnen hatten in Zweimühlen mit ihrem eigenen Blut und Schweiß etwas aufzubauen ... etwas, das er zuvor nicht gekannt hatte, ihn in schwachen Momenten noch immer einzuschüchtern vermochte und in den Guten die Hoffnung schürte, etwas bewirken zu können.

Mehr als ihnen alleine möglich wäre, wenn sie auf allen Schlachtfeldern Aventuriens kämpfen würden. Es war ... ungerecht. Sie gaben den Menschen in der Mark Hoffnung, etwas auf das sie vertrauten, es wagten hier neue Existenzen aufzubauen, sich niederzulassen, zu siedeln ... und wenn es nur in einem Zelt zwischen dem Talfer und dem Wehrheimer Tor war. Kinder ... zu bekommen. Ein nahezu übermächtiges Gefühl des Schwindels drohte Wulfgar zu überwältigen und er konnte hören, wie der Pfosten an den er sich stützte unter seiner Last ächzte.

“Bei den Göttern ... Aruna, haben wir nicht auch das Recht auf ein kleines ... unser eigenes Wunder?!“ Seine Stimme, die bislang anklagend in das Tosen seiner eigenen, jeglicher Ordnung entbehrenden Emotionen gebrüllt hatte, war bedeutend leiser geworden. Als würde er nach seinem Ausbruch kraftlos zusammensacken. “Ein Kind, unser Kind ... Aruna ... Sie ... haben es uns genommen ...“ Seine Schulter sank gegen den Pfeiler, während er Aruna das Gesicht halb zuwandte und ihren Blick suchte. Seine Augen schimmerten glasig, aber in ihnen loderten die Flammen seiner Wut.

Aruna rannen einzelne Tränen aus den Augenwinkeln.
"Ich... ich weiß es nicht, Wulfgar... vielleicht war ich dumm... vielleicht fürchte ich mich davor, dass alles irgendwie... dieser wunderbare Traum... mit einem Mal zuende... vielleicht hat die Herrin andere Pläne für mich... für uns..." Aruna verschluckte sich beinahe an den Worten, die ihre zitternde Stimme hervorbrachte.

"Vielleicht fürchte ich mich auch einfach nur davor...," doch die Worte blieben in ihrem Halse stecken und sie presste bitter die Lippen aufeinander, unfähig, das Ungesagte in die Welt hinaus zu tragen. Aruna blickte hilflos, schuldbewusst zu Boden.

Wulfgar sammelte das erschreckend Wenige an Kraft, dass ihm sein Körper in diesem Moment zuzugestehen vermochte und stemmte sich über die Schulter wieder empor. Dennoch konnte man es kaum als ein aufrichten bezeichnen. Seine Schultern waren eingesunken und seine Arme fühlten sich seltsam kraftlos an. Ausgelaugt und als hätte jemand sämtliche Kraft aus ihnen herausgequetscht. Er unternahm einen unsicheren Schritt in Arunas Richtung. Zu seiner Gefährtin, seiner Freundin ... seiner ... sein eigener, brodelnder Verstand verschluckte das Wort und eine ferne Stimme in ihm grollte: “Sie hat es dir verheimlicht. Die Gefahr auf sich genommen ohne dir deinen Anteil an dieser Entscheidung zuzugestehen.“

Seine Zahnreihen waren fast schmerzhaft aufeinandergepresst und es kostete ihn Mühe sie zu lösen. Seine Augen schimmerten feucht, aber seine Züge wirkten auf grässliche, ungerechte Art und Weise unerbittlich, hart und kühl. Er konnte es spüren, aber kein entwaffnendes, die Schärfe nehmendes Lächeln auf seine Lippen zwingen. Obwohl alles in ihm danach brüllte, danach verlangte. Aber er war nicht mehr Herr seines Körpers, nicht mehr Herr seiner Regungen oder gar Emotionen, die in ihm emporsprudelten.

“Wovor fürchtest du dich?“ zischte er. “Wovor könntest du dich mehr als vor diesem verfluchten Moment fürchten?? Diesem Moment, in dem ich beginne zu begreifen, dass wir unsere Tochter ...“ Seine Stimme bebte. “Unseren Sohn verloren haben??“ Für einen kurzen Moment spürte er die Kraft zurückkehren, fühlte wie sich seine Muskeln mit Zorn füllten und spannten. Nur ein, vielleicht zwei Schritt von Aruna entfernt, warf er sich vorwärts, packte mit beiden Pranken die Tischkante und warf ihn begleitet von dem furchtbaren Getöse, als die darauf noch verbliebenen Gegenstände ins Kullern gerieten und zu Boden stürzten, auf die Seite.

Der dumpfe, schwere Aufprall fuhr ihm bis ins Mark. Seine Muskeln brannten ob der unvermittelten Anstrengung, aber er spürte es kaum ... konnte nicht ... in ihm war nur Leere. Endlose, jegliche möglicherweise trostspendenden Gedanken verschluckende Leere. Ein gähnendes Loch ... etwas, dass die unvermittelte Nachricht vom Tod ihres Kindes, von dessen Existenz er bis vor kurzem noch nicht einmal etwas geahnt hatte, in seine Seele, den Schutzpanzer seiner sprichwörtlichen Unbekümmertheit gerissen hatte.

“Vielleicht hat die Göttin andere Pläne für dich ... für uns ...“ wiederholte er ihre Worte, begleitet von einem verächtlichen Schnauben. Der Kerzenschein warf düstere Schatten auf sein Aruna nur noch seitlich zugewandtes Antlitz. Seine Augen starrten ins Leere. Seine Worte bahnten sich nur mühsam ihren Weg über seine Lippen. Schleppten sich kraft- und klanglos ins Zeltinnere. “Und was ist mit unseren Plänen? Was ist dann mit uns, wenn die Götter uns dieses Geschenk, diesen Wink des Schicksals verwehren?“ Er schüttelte langsam den Kopf und schloss die Augen. “Du ... du solltest schlafen gehen ... du ... brauchst Ruhe.“ Er bückte sich nach seinem Tabakbeutel und der Pfeife, die zwischen Pergamenten, Karten und Holzfiguren auf dem Boden lagen.

Wulfgar suchte ihren Blick. Unsicher, unschlüssig, verletzt und erschüttert. In seinem Herzen brannte nur ein einziger Wunsch. Aruna zu trösten, sie in die Arme zu schließen und endlich zu hauchen, dass alles wieder gut werden würde. Auch er sehnte sich nach Trost, nach den richtigen Worten, den Gedanken, die ihn wieder ruppig auf den richtigen Pfad zurückrempelten ... aber es war zu früh. Die Wunde war zu frisch ... er wollte allein sein ... nachdenken.

“Ich ...“ setzte er an und seine Stimme versagte ihren Dienst. Beschämt griff er nach seinem Umhang und wankte zum Zelteingang. Nur ein paar Schritt noch, mahnte er seinen Körper. Dann kannst du mit mir machen, was du willst.

Westruh, Wildermark, in den ersten Tagen des Efferd 1033 BF

Zurückgeworfen vom eisenverstärkten Schaft fuhr die Klinge seines Zweihänders nieder, nutzte die Wucht, die sein Hieb, der die Deckung des Söldners hinter dessen Hellebarde ausgehebelt hatte, in seinem schweren Rauschen entfaltete. Blut spritzte, als er die stählerne Brustplatte zertrümmerte und das schreiend bunte Gewand, dass der Söldling darunter trug, wie altes, brüchiges Pergament zerschnitt. Sein Brüllen erfüllte den Helm, dessen Sichtschlitze sich im Wissen darum, dass der Söldling sich von der beigebrachten Verletzung nicht mehr erholen würde vom schmerzverzerrten Antlitz des jungen Mannes abwendeten und sich in berechnender Kälte auf die junge Frau mit dem Federbarett richteten, die mit jetzt nur noch halb so entschlossener Miene das Kurzschwert umklammerte, als sie ihren Gefährten jämmerlich schreiend fallen sah. Mit einem Halbschritt versuchte sie die Reichweite seines Zweihänders zunichte zu machen und ihm die Klinge in den Leib zu stoßen.

Gleichgültig ließ es Wulfgar drauf ankommen und ihren Angriff passieren, während er selbst den nach dem Hieb gegen ihren Kumpanen über den Kopf emporgerissenen Zweihänder auf sie herabschnellen ließ. Er spürte den Stich kaum, der wohlgezielt an den Plattenstücken seiner Rüstung vorbei, die wattierte Unterkleidung durchdrang und ihm einen schmalen Schnitt zufügte. Sein Zweihänder hingegen grub sich mit ungebremster Wucht in den kaum von der Brustplatte beschirmten Bereich zwischen Hals und Nacken. Erst als die Klinge sich zwischen Schlüsselbein und dem hoffnungslos verbogenen Stahl der schützenden Brünne verkeilte, drückte er den schweren Stahl über den Griff wieder leicht empor, schob sich in seiner matten Rüstung einem unaufhaltsamen Ungetüm aus Stahl und Blut vorwärts und zwang ihren erschlaffenden Leib mit einem mitleidlosen, heftigen Tritt in den Staub, während er den Bidenhänder aus der klaffenden Wunde schälte. Ihr Schrei erstickte in einem Gurgeln. Seine Schläfen pochten. Von rechts stürmte ein Landsknecht heran, die Infanteriewaffe zu einem kräftigen Stoß auf Brusthöhe gereckt. Ein dumpfes, schnalzendes Pochen brachte seinen Angreifer spürbar aus dem Tritt, während sich sein Gesichtsausdruck von zornerfüllter Überzeugung zu überraschtem Entsetzen wandelte. Er verlangsamte unkontrolliert, taumelte, machte noch ein, zwei Schritte und sank dann auf die Knie. Ein Bolzen ragte aus seiner Schläfe.

Unwirsch rempelte Wulfgar den vorsackenden Körper mit seiner plattenbewehrten Schulter beiseite. Vor ihm schloßen vier, mit unsicher zuckenden Augen die nahen Gebüsche entlang der Böschung absuchende Söldner die ausgedünnte Formation vor einem Schemen, der beide Hände ausbreitete. „Aufhören! Haltet ein!!“ gellte der Ruf eines Mannes durch die Senke. „Ich gebe Euch wonach es Euch verlangt! Gold, Geschmeide! Nehmt auch unsere Waffen, wenn es Euch von unserer friedlichen Absicht überzeugt.“ Wulfgars Schritt wurde keineswegs langsamer, allerdings hob er den gepanzerten Arm und bedeutete den Uhdenbergern in seinem Rücken das Feuer einzustellen. „Tretet beiseite, wenn Euch Euer Leben lieb ist.“ Knurrte er mit donnernder, blechern verzerrter Stimme über das Stöhnen und Ächzen der Verletzten hinweg den Söldnern zu. „Legt die Waffen nieder und ihr werdet verschont!“ blaffte er, noch während sie eine Gasse zu der Gestalt öffneten, die sich im Rücken ihrer Formation verbarg. Das mehrstimmige Klirren aufeinanderprallender und abgeworfener Waffen quittierte, dass sie seiner Aufforderung Folge leisteten. Er selbst öffnete den Riemen unter seinem Visierhelm und hob die geschlossene Faust. „Sichert die Waffen und nehmt sie in Gewahrsam.“ Ins Gesicht des vielleicht 40 Sommer zählenden, dunkelhaarigen Mannes, der jetzt kaum noch fünf Schritt von ihm entfernt war, stieg die Zornesröte.

„Wer seid Ihr, dass Ihr Euch erdreistet …“ Wulfgar gab ihm keine Gelegenheit seinen Satz zu vollenden. Er streifte nur den Helm ab und ließ ihn achtlos ins blutige Gras fallen. „I … Ihr …“ stieß der Mann zwischen zusammengepressten Zähnen hervor, während die Farbe wieder aus seinem Antlitz wich. “Gisbert Gilborn von Talf, vom heutigen Tage an geltet Ihr für euer verdammungswürdiges Bündnis mit den Schergen des falschen Kaisers, kraft der mir verliehenen Legitimation als Vogt Zweimühlens, als Verräter und Bedrohung für das Heil der mir anvertrauten Seelen …“ Er ließ die Worte wirken, stapfte aber weiter unumwunden und ohne Umwege auf den in teure Gewänder gehüllten einstigen Vogt Talfs zu, der zunehmend und mit langsam von ehrlicher Furcht durchtränktem Blick vor ihm zurückwich. Sich allerdings ob der sich aus den Gebüschen über der Senke schälenden Bewaffneten wohl darauf besann, dass an Flucht nicht zu denken war. Sein in quälender Langsamkeit vollzogener Versuch sich Wulfgars Zugriff zu entziehen, endete jäh, als die Hand des Weidener Kriegers vorschnellte, den einstigen Landadeligen am Kragen packte und ihn in den Staub des nur dürftig ausgetretenen Pfades zu ihren Füßen schleuderte.

Wulfgars Gesicht war eine furchtbare Maske des Schmerzes und unaussprechlichen Hasses, auch wenn dieser mehr der unmöglich zu ergreifenden Gelegenheit galt, die er hatte verrinnen lassen müssen, als ihm der goldene Falke so unaussprechlich nah gekommen war. Am Lagerfeuer … nur wenige Meilen vom Heereslager des Falkenbundes entfernt … Seine Zähne knirschten. Die Nacht, in der er Paske das Richtige hatte tun lassen. Für die Wildermark. „Ihr habt bereits einmal Zweimühlen verraten, als Ihr dem Ruf Eurer Baronin Svanja Ragnasdottir nicht in die Schlacht auf dem Mythraelsfeld gefolgt seid. Euer Exil hat Euch keinesfalls Demut gelehrt … nein, ganz im Gegenteil! Ihr verbündet Euch mit einem Feind, der offen gegen den hier geschaffenen Bund zu Felde gezogen ist.“ Wulfgars Stimme war eisig, aber sein ganzer Körper bebte vor Wut. Gisbert Gilborn kroch rückwärts. „Ihr … Ich … Lasst mich doch erklären! Ich verlange einen gerechten Prozess!“ Das schiefe, fürchterliche Lächeln, das Wulfgar auf seinen Zügen spüren konnte, ließ ihm selbst das Blut in den Adern gefrieren. „In der Wildermark gilt das Faustrecht und mit Eurem wiederholten Verrat habt ihr jegliches Anrecht auf einen …“ Er spuckte das Wort förmlich aus. „ …Prozess verwirkt.“

Gisbert hob beschwichtigend die Hände. „Herr Nordfalk, ich bitte Euch … ich kannte Euren Vater! Er war ein großer, gerechter Mann.“ Wulfgar öffnete einen der Beutel an seinem Waffengurt und zog etwas daraus hervor, dass er dem Flehenden zuwarf. Einen kleinen blutverkrusteten, hölzernen Falken. „Aber mich …“ zischte Wulfgar. „Mich kennt ihr nicht.“
Session: Der Zug der Fürstin - Garadan - Monday, Aug 07 2017 from 10:00 AM to 1:00 PM
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