Eine Chronik im einstigen Darpatien, die vom Schicksal der Stadt Zweimühlen berichtet, dessen Geschichte in unruhigen Zeiten und einem grausamen Krieg beginnt.


Was bisher geschah:

Wir schreiben das Jahr 1033 nach Bosporans Fall. Durch die Legitimation durch die Kaiserin des Mittelreiches, Rohaja von Gareth, höchstselbst, erfährt der Städtebund um Zweimühlen mit der erwarteten guten Ernte eine neue Zeit der Blüte, des Aufschwungs und vor allem des Friedens. In der durch das Treiben des orkischen Kriegsfürsten Sharkush Morchai, die zivilen Unruhen in Gallys und den von Ucurian von Rabenmund und dem Falkenbund angeführten Zug der Fürstin aufgewühlten Wildermark erfährt die Stadtbevölkerung nur wenig von den Anstrengungen des Vogtes und seiner Gefährten, die den noch immer, wenngleich auch mit verminderter Härte geführten Krieg von den Toren Zweimühlens fernhalten.

Lediglich das Abwenden der Schlacht gegen Arnôd von Eulenberg und einen Heereszug des Falkenbundes vor Talf durch einen gemeinsamen Heerbann der Bundesgenossen blieb auch den Zweimühlenern nicht verborgen und so wurden die Heimkehrer unter großem Jubel empfangen, während Aruna aus Yeshinna, Eldrinn von und zu Rebental, Esra Erlenbach, Paske Wittgenstein und Wulfgar Nordfalk von Moosgrund noch zur selben Zeit dem aus dem Gallyser Umland aufbrechenden Zug Ucurians nachsetzten und der Bedrohung durch sein Bündnis im persönlichen Gespräch ein Ende setzten. Die Hintergründe und Inhalte sind, wie auch das Stattfinden dieses Aufeinandertreffens, nur den Teilnehmern selbst bekannt, aber der goldene Falke stellte nur wenige Tage später seine Bemühungen ein im Beisein seiner Tochter Swantje den alten Adel Darpatiens unter seinem Banner zu einen und zog sich in sein Heereslager zurück.

Ein großer Sieg für das junge Zweimühlen und der Beweis, dass das Bündnis auch unter der Androhung einer bevorstehenden Schlacht zusammenrückt und die Konfrontation mit den großen Kriegsparteien im Angesicht des Verlustes der eigenen Souveränität keinesfalls scheut. Auch Answin der Jüngere von Rabenmund und Praiodan Bernfried von Bregelsaum schlossen sich neben alten Bekannten wie Wulfbrandt von Rosshagen oder Junker Erlan von Dunkelstein-Schnattermoor auf den Feldern vor Talf den Verbündeten an. Zweifelsohne eine zeitlich und sicher nicht auf Dauer beständige Allianz, aber eine die beweist, dass Zweimühlen nicht nur für die Bewohner der Stadt und des Umlandes als ein Garant für die Stabilität des Herzens der Mark einsteht. Der erste große Schritt auf die politische Bühne und ein Leuchtfeuer, dass im einstigen Darpatien im Guten wie im Schlechten nicht unbemerkt bleiben wird.

Nur einigen Wenigen ist bekannt, dass auch die Helden einen hohen Preis für ihre Erfolge bezahlt haben. In den Wirren des Umsturzes in Gallys verlor Aruna ihr ungeborenes Kind durch das Gift auf der Klinge von Reto Ertzel vom Echsmoos, des bis zum damaligen Zeitpunkt amtierenden Barons der Stadt auf dem Artema-Berg, den sie selbst noch mit letzter Kraft niederzustrecken vermochte. Esra ist erschüttert von den Eindrücken der Gallyser Blutnacht, die sie selbst an vorderster Front durchleben musste, und der Nachricht von Arunas Verlust, ebenso wie ihre Gefährten. Von Wulfgar ganz zu schweigen, der erst im Zuge von Arunas tränenreichem Geständnis über ihren gemeinsamen Verlust von der Existenz des Kindes erfuhr. Nur die Zeit wird zeigen, ob und inwiefern diese hier gerissene Narbe zu heilen vermag.

Doch die Gefahr durch den Falkenbund ist gebannt, die Ernte steht an und die Baronien der Wildermark trachten danach ihre Kornkammern zu füllen, bevor der Winter seine weiße Decke über den Resten des alten Darpatiens ausbreitet. Bis die dunkle und kalte Jahreszeit heranbricht, hoffen die Zweimühlener noch auf einige geruhsame und goldene Tage unter Praios wachendem Auge.

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Der Falke und die Löwin
Moosgrund, 16. auf 17. Peraine 1033 BF

Mit Einzug der Dunkelheit der Nacht und der schwindenden Praiosscheibe legten sich nicht nur eine kühle Brise, sondern auch zunehmend einkehrende Stille über das Moosgrunder Land. Einzelne, frühe Abendsterne durchbrachen mit ihrem warmen, funkelnden Licht das sich verschleiernde Firnament und das volle, in all seiner Pracht seinen Weg über den Himmel bestreitende Madamal tauchte den bewaldeten Landstrich in ein friedliches Zwielicht. Nur noch vereinzelt bahnten sich heisere Rufe der Bevölkerung, die ihr Vieh von den Weiden trieben, durch die Straßen und Gassen des kleinen Städtchens. Langsam kamen die nächtlichen Nebenstreifen aus den Gründen der umliegende Moorwälder gekrochen und legten sich sanft, doch schwer über die Auen und Wiesen, die Moosgrund und den Riesenhügel umgaben.
Würdevoll und wachend über die sich schlafen legende Kleinstadt ruhte der alte, ehrwürdige Bergfried über den Häusern und Dächern und galt, wie in so vielen Städtchen dieser Art, als Schutzwacht und Refugium im Falle drohender Gefahr. Mit Einzug der Nacht drang nur an wenigen der nur fern an Fenster erinnernden Schießscharten des alten Turms Licht in die Dunkelheit vor. Leises Flötenspiel und samtiger Pfeifenrauch aus den Gästezimmern durchbrachen allein die Ruhe und Stille, die das Bauwerk umgab.
Am Fuße des Bergfrieds schmiegten sich die Familiengemächer der Nordfalks an die massiven Mauern des Schutzbaus, in stiller Würde strotzte das Banner des stürzenden Falken über den Toren. Knarzend und quietschend öffneten sich langsam die Scharniere der hölzernen Fensterrahmen im Obergeschoss. Protestierend über die Störung krächzend erhoben sich eine Handvoll Krähen vom Dach des Gebäudes und flatterten aufgeregt davon, um sich einen stilleren und ruhigeren Ort zu suchen.

Aruna stand vor dem Fenster in Wulfgars ehemaligem Zimmer des Anwesens der Nordfalks und ließ die kühle Abendluft tief in ihre Lungen strömen. Für einen Augenblick schloss sie ihre Augen und streckte sich, sodass ihr Rückgrat, Wirbel für Wirbel ein leises, entspannendes Knacken durchfuhr. Sie atmete aus und ließ ihren Blick über das nächtliche Moosgrund schweifen. Mit einem leichten Schmunzeln stellte sie sich vor, wie Wulfgar hier als kleiner Junge durch die Gassen und über den Platz der Burg rannte und mit seinem Holzschwert von Heldentaten träumte. Heldentaten, die er, die sie alle, später tatsächlich vollbringen sollten, wenn auch vielleicht nicht in der erträumten, von strahlender Ritterlichkeit zeugender Form. Die Welt war nicht immer schwarz und weiß, nicht immer ließen sich Gut und Böse, Recht und Unrecht klar voneinander unterscheiden. So ungern sie es zugab, musste auch Aruna sich damit abfinden, dass es sich eher um Grautöne als klare Farben handelte, wenn sie es sich erlaubte, in solchen Sinnbildern zu denken. Der Kampf, den sie ihren Lebtag lang suchte, wurde somit mehr und mehr zu einem Kampf des Gewissens als zu einem Kampf gegen die Feinde allen Lebens. Doch nie hatte irgendjemand behauptet, dass es ein einfacher Kampf sein würde.
Die junge Amazone versuchte diesen Gedanken abzustreifen, sie öffnete und schüttelte ihr wallendes, kastanienbraunes Haar, nicht nur um sich, sondern auch um ihre Gedanken zu sortieren. Die widerspenstigen Strähnen und Locken fielen in aller Fülle auf ihre Schultern nieder und unweigerlich zuckte einer ihrer Mundwinkel leicht in die Höhe, als sie an die weidener Flüche der Bademagd dachte, die unter dem belustigten Kichern Esras, bewaffnet mit Kamm und Bürste, verzweifelt versucht hatte, Ordnung in das Haar der Kriegerin zu bringen.

In einer Ecke des Raumes, auf einem alten, schweren Holzstuhl, gleißte der Harnisch der Amazone im Schein des Kaminfeuers, Aruna hatte ihn nach ihrer Ankunft in Moosgrund abgelegt und für den Abend gegen einfache, bürgerliche Kleidung eingetauscht. Aus dem in einen groben, schweren Holzrahmen eingefassten Spiegel blickte sie einer jungen Frau in rehbraune Augen, die für ihr Alter schon mehr gesehen und erlebt und durchlitten haben mochte, als manch andere. In ruhigen Zeiten drohten all die Dinge, die in den vergangenen Jahren geschehen waren, sich mit all ihrer Last auf sie zu legen und sie niederzuschmettern. Doch wenn sie eines gelernt hatte, dann, dass jeder Kampf zuallererst immer ein Kampf mit dem Herzen war. Und so schwer ihr Herz auch manchmal wurde, so sehr wusste sie auch um die Kraft, die ihm innewohnte.
Langsam schob Aruna den Saum des einfachen, naturfarbenen Leinenhemdes nach oben und fuhr mit den Fingern über die sonnengebräunte Haut ihres Bauches, unter der sich das Spiel ihrer durch Kampf und körperliche Ertüchtigung gestählten Muskeln abzeichnete. Zahlreiche Narben schmückten den klingenschlanken und athletischen Körper der Amazone, doch diese eine Narbe, die prangte vielmehr auf ihrer Seele als auf ihrer Haut.
Für einen Moment durchlebte Aruna die Ereignisse der schicksalshaften Nacht in Gallys erneut. Kaum ein Tag war seither vergangen, an dem die Fieberträume, die das Gift ihr vor das innere Auge gesetzt hatte, sie nicht verfolgten. Von den Ereignissen und ihren Folgen ganz zu schweigen.

Ihr Blick schweifte zu Wulfgar, der, lediglich in ein einfaches Nachthemd gehüllt auf der Kante des alten, schweren Bettkastens saß und breit grinsend, in kindlicher Freude mit grob geschnitzten Heldenfiguren aus dunklem Holz spielte, die sein Vater ihm einst schenkte und die er in einer kleinen Holzkassette unter dem Bett wiedergefunden hatte.
Amüsiert über das Gebaren des weidener Kriegers und Vogts von Zweimühlen lehnte Aruna sich gegen den kräftigen, abgenutzten Holzbalken inmitten den Zimmers und sah ihrem Gefährten einen Augenblick lang bei seinem Spiel zu.
Unzählige Gedanken kreisten in ihrem Kopf, wenn sie den Mann, der nicht nur Freund, Begleiter und Gefährte, sondern auch Liebhaber und derjenige war, der in den letzten Götterläufen nie von ihrer Seite gewichen ist. Sie erinnerte sich an Esras Worte im Badezuber, die die Geweihte der Tsa in ihrer leichten und aufrichtigen Begeisterung so freudig teilte, ohne sich vielleicht über die Schwere ihrer Bedeutung, zumindest für den jungen Nordfalk und seine Familienbande, bewusst zu sein.
Sie überlegte, wie sie das Gespräch anfangen sollte, immerhin würde Wulfgars Schwester am nächsten Tag zu ihnen stoßen und er hatte sich den ganzen Tag hinweg schweigsam gezeigt, war der Amazone beinahe auffällig aus dem Weg gegangen, nachdem er am Vorabend in der Grafenburg in Baliho gewesen war. Innerlich musste Aruna ein bisschen lachen. Die beiden unerschütterlichen Krieger, die nie die Fassung verlieren, wenn es auf das Feld der Ehre und um den Stahl in der Hand ging, die aber auf ganzer Linie versagten, wenn sie sich mit menschlicher Auseinandersetzung und ihren Gefühlswelten konfrontiert sahen. Esra würde bestimmt ihr letztes Hemd dafür geben, hier an der Tür oder unter dem Fenster lauschen zu können.

Die junge Amazone biss sich nachdenklich auf die Unterlippe, wischte sich die beiden widerspenstigen Strähnen ihres Haars aus dem Gesicht und nestelte einen Knoten in den Saum ihres Leinenhemdes. In Situationen wie solchen fühlte sie sich manchmal wie ein dummes, hilfloses Kind.

Schließlich räusperte sie sich leicht und unterbrach den hühnenhaften Recken in seinem Kinderspiel.
»Wie ist es eigentlich mit deiner Schwester gelaufen?«

»Sperrt ihn hinfort.« 'Waldemars' ausgeleierter Holzarm deutete, geführt von Wulfgars Fingern auf die ausgebleichte Holzkiste, die neben ihm auf dem Bett lag. Der Holzritter in seiner Rechten nickte eifrig und salutierte hölzern. »Ja, mein Herzog!« Er ließ 'Waldemar' auf die Decke plumpsen und griff nach der widerwärtigen Holzfigur, die an entsprechend gewählten Stellen mit dichten Pferdeborsten gespickt war. »Niemals bekommst du mich leeebend, Sohn von Bär und Neunauge.« Dann stieß er, um das Orkische seiner Rolle zu unterstreichen, ein paar Grunzlaute aus. Die Figur in seiner Hand setzte zum Sprung an, bereit sich auf den von ihm abgewandten 'Waldemar' zu stürzen. Todesmutig warf sich der wild mit den lockeren Gelenken schlackernde Ritter zwischen ihn und seinen Lehnsherren. »Neeein!« brummte 'Waldemars' tiefe knurrige Stimme noch voller Inbrunst, als der hölzerne Arbach sich in die Schulter des tapferen 'Heldar' versenkte... Und abbrach. Wulfgar verzog mit einem Ausdruck des Bedauerns das Gesicht und betrachtete das abgesplitterte Stück Holz wehmütig. Dann wandte er sich Aruna zu und ließ von seiner in neuer Fassung uraufgeführten Heldenballade des Heldar von Arpitz ab. »Soweit... ganz gut. Vielleicht weitaus besser als ich erwartet hätte.« Ein tiefes Seufzen entrang sich seiner Brust. »Sie... wird es sich nicht nehmen lassen, dir morgen noch persönlich ihr Beileid für unseren Verlust auszusprechen... Ich... Ich hoffe dieser Gedanke bereitet dir nicht zu viel Unbehagen... Sonst kann ich auch noch versuchen, Sie davon abzubringen.«
Aruna zog in unterwältigter Überraschung die Augenbrauen ein wenig ungläubig zusammen und verschränkte die Arme vor der Brust. Sie musterte Wulfgar mit forschendem Blick.
»Und... deswegen hast du dich den ganzen Tag so bedeckt gehalten?«

Ein kurzer Blick brachte die Gewissheit, dass es kein Spielzeug mehr gab, hinter dem er sich verstecken konnte. Er hatte sich nicht bewusst in Schweigen gehüllt, aber es war unvermeidbar gewesen, dass Aruna seine Nachdenklichkeit, das Nachgrübeln bemerken würde. Etwas ertappt ließ er den Blick durch den Raum schweifen und holte tief Luft. Sammelte sich, ordnete seine Gedanken.
»Nein, eher nicht... Du hast Recht. Ich... habe ihrem Treiben bezüglich meiner geplanten Vermählung eine endgültige Absage erteilt. Und ich denke, dass sie es verstanden hat... Aber ich will auch nicht so weit gehen ihr dabei eine böswillige Absicht zu unterstellen. Sie wusste nichts... Von dir und mir.«

Aruna musterte den sonst so standhaften und überzeugten Weidener für einen Augenblick. Die Worte, die noch kurz zuvor Esras Lippen vor Freude jauchzend verlassen hatten klangen aus Wulfgars Mund verhalten.
Ihre Körperhaltung lockerte sich und sie warf ihrem Gegenüber einen warmen und gefühlvollen, beinahe schon mitleidigen Blick zu.
»Es tut mir Leid, wenn ich dir Unbehagen bereitet habe. Ich weiß, wie wichtig dir die Familie ist. Und ich möchte nicht diejenige sein...« sie legte die Stirn nun ihrerseits unsicher in Falten, »nun... ich hoffe, du hast diese Entscheidung aus deinem Herzen heraus und nicht aufgrund von Pflichtgefühl oder genereller Treue getroffen. Ich meine, ich weiß, wir haben nie wirklich darüber gesprochen...« sie biss sich erneut auf die Lippe und blickte in Richtung der schweren Holzbohlen am Boden des Zimmers.

Götter, wer von ihnen war eigentlich für dieses Gespräch zuständig, wessen Beistand könnte er sich erbitten, an wen sich wenden... Auch wenn er öfter schon als ihm lieb gewesen war hatte beweisen müssen, dass ihm große und kleine Reden und Ansprachen nicht fremd waren, so hatte er nie wirklich gelernt sich dem zu öffnen, was frei und ungehindert in seinem Kopf kreiste. Und das, obwohl es das einfachste auf Dere sein sollte... Hatte er mit seiner offenherzigen Art alles, was ihm in den Sinn kam, auszusprechen nicht nur Esra in gesunder Regelmäßigkeit in Verlegenheit gebracht, so war dies doch... anders.
Komm, Wulfgar, reiß dich zusammen... sagte er sich selbst. Hätte sich Aruna damals vor der Reise in Wulfrats Traum, in Anbetracht der Ungewissheit über eine siegreiche Rückkehr, nicht ein Herz gefasst, würdet ihr immer noch nebeneinander her leben. Und du hättest vielleicht eine Vorstellung, aber keine Ahnung gehabt, was dir damit entgangen wäre, beschwor er sich selbst. Nein, die Zwölfe konnten ihm nicht helfen. Dieser Moment gehörte ihnen... Ganz allein. Seine bartumrahmten Mundwinkel formten ein ungewöhnlich liebevolles Lächeln, dessen Bedeutsamkeit und Tiefe der Glanz und das Glimmen seiner durchdringend blauen Augen unterstrichen. »Wenn es eines gibt, was du mir nicht bereitest, dann ist es Unbehagen. Und ja, unsere Familie ist klein, nur ein mürrischer Ohm und Avons zwei sture Kinder sind noch davon übrig...« Er erhob sich vom Bettkasten, schenkte dem Umstand wenig Beachtung, dass er in seinem zu kurz geratenen Nachthemd einen überaus erheiternden und unschicklichen Anblick bieten musste und trat an ihre Seite. Das Fenster war kaum breit genug für sie beide und verriet einmal mehr, dass diese Festung einst für kleinere Menschen als die hoch aufgeschossenen Stammherren des Hauses Nordfalk errichtet worden war. Mit einem Schmunzeln erinnerte sich Aruna an die ungezählten niedrigen Türrahmen unter denen sich Wulfgar mit einem leisen Schimpfen hatte hindurchducken müssen, während der Krieger seinen Arm um ihre Hüfte legte und sie an sich zog. Seine freie Hand legte er unter ihr Kinn und drückte es sanft nach oben.
»Wir sind die letzten des Hauses Nordfalkenstein. Das muss man verstehen, wenn man begreifen möchte, warum es überhaupt zu diesen unsäglichen Verwicklungen kam. Warum mein Ohm und meine Schwester sich gleichermaßen so darum bemüht haben eine Braut für mich zu finden. Avons Vermächtnis, diese Blutlinie, endet mit uns. Die Gemeinen sind sich der Tatsache bewusst, dass sie einst in Borons Hallen einziehen werden, aber für uns, den Adel ist es mehr als das... Praios hat uns Kraft unserer Geburt die Verantwortung für die Menschen unter unserer Obhut übertragen. Erlischt die Linie, bleibt die Aufgabe unerfüllt... wir geraten in Vergessenheit. Die Erinnerung an Ahnen wie Lofanheid von Nordfalkenstein, die...« Ein schalkhaftes Grinsen umspielt seine Lippen, als er sich, begleitet von einem Seufzen, im Raum umsah, »...offensichtlich kleinwüchsige Begründerin unseres Hauses oder eben mein Vater Avon werden in den Schriften auf dem Rhodenstein bewahrt bleiben... Aber Willbrecht und ich? Meine Mutter? Mein Vater hat nie viel aber immer sehr liebevoll von ihr gesprochen. Wer sie ist oder war, haben Ardariel und ich nie erfahren. Hätte Avon sich damals ausschließlich dem Krieg verschrieben, stünden wir heute nicht hier. Ardariel wäre nicht die Baronin von Baliho und ich nicht der Vogt von Zweimühlen.« Wulfgar schüttelte leicht mit dem Kopf und seine Hand glitt unter Arunas Kinn entlang auf ihre Wange. Sein Daumen streichte zärtlich darüber und sein Blick war fast entschuldigend. »Ich weiß, das Ganze muss dich fürchterlich langweilen... Aber ich muss es dir erklären, damit du verstehst, warum es mir so schwer fiel diese Entscheidung nicht schon viel früher zu treffen.«

Er atmete tief durch. »Aventurien braucht uns. So wie es dich als die Tochter der Löwin braucht, die unredlichen Magiermogulen den Schädel einschlägt, braucht es jene, die sich um das Räderwerk...« Wulfgar seufzte, »und ja, den Pergamentkram dahinter kümmern. Wenn wir nicht gehandelt oder existiert hätten, wären Nekorius oder irgendein anderer ihm nachfolgender Finsterling noch immer an der Macht in Zweimühlen. Und die Wildermark ein weitaus dunklerer Ort als sie es heute noch ist.« Seine Finger strichen Arunas widerspenstige Strähne hinter ihr Ohr und er lächelte versonnen. »Ohne dich hätte ich das alles nicht geschafft. Nicht nur mit dir als meiner Mitstreiterin an meiner Seite, Schwert und Schild neben meinem... Sondern gerade auch als die erste und einzige Frau, die ich wirklich lieben gelernt habe. Und das musste Ardariel genauso begreifen, wie ich erst lernen musste zu verstehen, dass alles, was wirklich zählt...« Er legt die Hand auf seine Brust. »... hier drinnen liegt. Die Antwort gibt, wenn Pflichtbewusstsein und Verpflichtungen schweigen. Keiner kann mich zwingen etwas zu tun, das ich nicht will ... Aber die Götter haben mir die Freiheit geschenkt, selbst zu entscheiden, was das ist. Und meine Wahl fällt ohne jeglichen Zweifel auf dich. Meine Freundin, Gefährtin und die Frau, die ich auf jedem Schlachtfeld an meiner Seite wissen möchte.« Kurz schloss Wulfgar die Augen, atmete tief durch. »Entschuldige, dass es so lange gedauert hat, bis ich zu dieser Erkenntnis gelangt und zum Punkt gekommen bin, aber es hat sich so viel angestaut...«

Aruna legte ihr Kinn auf Wulfgars Brust und blickte zu dem, sie um gut und gerne einen Kopf überragenden, Weidener empor.
»Alles was zählt, mein lieber Wulfgar, ist das, wofür du dich zu leben und wofür du dich zu kämpfen entscheidest. Ja, ich glaube dir, dass es für dich keine einfache Entscheidung und kein einfacher Weg gewesen ist. Ich habe den Konflikt und den Kampf in dir gesehen. Aber ist es nicht genau das, worauf es im Leben ankommt? Dieser Kampf, den wir alle in unseren Herzen austragen und der uns uns daran erinnern lässt, auf welcher Seite unsere Herzen schlagen und womit, wem und wessen wir uns verschreiben?« Die junge Amazone legte ihre Hände auf die Schultern des Hühnen.
»Und ich weiß, dass dein Herz, auch so wie das deines Vaters vor dir, am rechten Fleck sitzt und schlägt. Auch Avon ist seinem Herzen gefolgt, in allem was er tat und jedem seiner Atemzüge. Ich habe gesehen, wofür er gekämpft und schließlich das größte Opfer gebracht hat. Und du kannst mir glauben, ganz egal was du oder Ardariel je für Entscheidungen treffen solltet, sein Vermächtnis wird nie vergessen werden. In alle Ewigkeit werden die Legenden seines Heldenmuts in Rondras Hallen erklingen, so wie vielleicht auch irgendwann die unseren. Du kannst stolz darauf sein, sein Blut durch deine Adern fließen zu spüren. So wie er auch stolz darauf wäre, was für ein Recke aus seinem Sohn geworden ist.«
Sie seufzte, schloss kurz die Augen und schien sich zu sammeln. Wulfgar erinnerte sich daran, sie so nur in solchen Situationen erlebt zu haben, in denen sie stille Stoßgebete sprach und um den Beistand der alveranischen Leuin bat. Schließlich öffnete sie die Augen wieder und blickte den Weidener an.
»Was mich angeht… nun… du weißt, dass in meinem Herzen an erster Stelle immer nur die Herrin Sturmesgleich stand. Doch…« Die junge Amazone stockte und schien sich fassen zu wollen. »Doch inzwischen habe ich Angst… Angst davor, dass irgendwann ein Tag kommt, an dem ich mich zwischen der Leuin und dir entscheiden muss.« Ihr Blick war liebevoll und gleichsam bedauernd. Aruna schluckte kurz.
»Ich habe keine Angst davor, weil ich weiß was ich dann tun würde. Ich habe Angst davor, weil ich es nicht weiß.«

Dann lächelte sie warm und gütig, löste sie sich von ihrem Gegenüber, legte ihm ihre Handflächen auf die Brust und gab ihm einen kräftigen Schubs, sodass er stolperte und rücklings auf dem unter seinem Gewicht ächzenden Bett landete.
Raubkatzenhaft formte sich das Lächeln der Amazone zu einem vielsagenden Grinsen, als sie auf ihn zu schritt und ihre Finger begannen, den Leibgurt um ihre enge, lederne Hose zu lösen.
»Doch nun lass uns über angenehmere Dinge reden.«

Wulfgar stemmte sich auf die Ellbogen und beobachtete seine Gefährtin, die sich dem Bett näherte, mit einem schelmischen Funkeln in den Augen.
»Ich könnte es dir nicht verübeln, wenn sich an meiner statt deine Herrin Sturmesgleich reizvoll räkeln würde...« Er gluckste vergnügt. »Wenn sie euch eure Rüstung für den Tanz mit den Klingen vorgeschrieben hat, dann hegt sie selbst wohl ähnliche Vorlieben.«
Er konnte seine Augen nur lange genug von seiner anmutigen Gefährtin lösen, um kurz verträumt einen Blick an die von dunklen Holzplanken getragene Decke und damit in die Ferne seiner eigenen Vorstellungskraft zu werfen. »Sicher ein Bild für die Götter... Und ohne dir zu lästern, Sturmherrin, du müsstest schon einiges aufbieten, um dieser Frau hier das Wasser reichen zu können.« Genussvoll glitten seine Augen über den Körper der Amazone, der selbst in diesem einfachen Gewand durch die Anmut seiner Bewegungen, ihre schön und Tsa zum Gefallen geschnitzten Züge und die Wildheit in ihren dunklen Augen bestach.

Aruna zog in gespielter Empörung eine Augenbraue in die Höhe, während Gürtel und Hose ihr langsam von den Hüften glitten.
»Da hat der Herr Vogt wohl zu viel Zeit mit den Narren und Gauklern verbracht,« schalt sie den kichernden Wulfgar mit erhobenem Zeigefinger.
In einer fließenden Bewegung streifte sie sich das Leinenhemd über den Kopf hinweg ab und bewegte ihre schlanken und definierten Blößen auf das Bett zu. Die Amazone setzte sich rittlings auf den Leib des Kriegers und half ihm aus seinem lächerlichen Gewand. Dann legte sie ihre Finger auf seine Brust und ließ diese den Bahnen des Kor-Mals auf seiner Haut folgen.
»Doch diesen Schalk werde ich dir schon auszutreiben wissen,« hauchte sie in Wulfgars Richtung.
»Ach, und eines noch. Wenn Esra uns das nächste Mal vor einen Travia-Priester schleifen will, können wir sie bitte aus der Stadt scheuchen?« fügte sie noch zwinkernd hinzu, bevor sie schließlich den Kopf in den Nacken legte und sich der Leidenschaft hingab.

***

Wulfgar stand mit den Händen aufs Fenstersims gestützt und hatte die Augen geschlossen. Mit tiefen Zügen atmete er die kühle Nachtluft ein, die der glitzernde Pandlaril mit dem Nebel in die ufernahe Senke, in der Moosgrund lag, aufsteigen ließ. Er lauschte dem an den Hängen widerhallenden Rauschen, den vereinzelten Rufen der Käuzchen aus dem Moosgrunder Tann und dem Zirpen der Wiesenbarden, die überall im feuchten Gras des Rieshügels hockend ihr nächtliches Konzert anstimmten. Die Mauern gaben den Klängen den Anschein als würden sie aus weitaus größerer Ferne über die Hügel an sein Ohr streichen, aber Wulfgar kannte die Wahrheit. Als Kind hatte er oft im Gras des Riesenhügels gelegen und zu den Sternen emporgeblickt. Die kleinen grünen Krabbler im Gras hatten ihn dabei weitaus weniger gestört als er sie. Es war seitdem eine gefühlte Ewigkeit vergangen. Sein nackter Körper dampfte leicht in der Kühle, die durch das geöffnete Fenster ins Innere ihres Zimmers sickerte. Für ihn war es wie ein erfrischendes Bad in einem der kühlen Moorweiher, die hinter den steil ansteigenden natürlichen Mauern des Moosgrunder Kessels im Forst lagen. Eine schöne Erinnerung oder eben ein Gefühl, das diese begünstigte. Er warf einen zärtlichen Blick zu Aruna, die nur zur Hälfte mit dem hellen Schaffell bedeckt, selig schlummerte. Ihre sonnengeküsste Haut war vom silbernen Glanz des Madamals überzogen, ihre wallende jetzt fast schwarz wirkende Haarpracht war zerwühlt und einige Strähnen klebten in ihrem nassen Gesicht. Wulfgar entsann sich mit einem Lächeln daran, dass er wohl kaum besser aussah. Die letzten verirrten Schweißperlen, die vereinzelt über seinen nackten Körper rannen erinnerten ihn gelegentlich an die Spuren in seinem breiten Rücken, die die Löwin in ihre Beute geschlagen hatte. Er beobachtete sie noch kurz, dann wandte er sich wieder dem Fenster zu. Das liebevolle Lächeln blieb. Er hatte Glück gehabt ... In so vielen Umständen, auf so ... Unterschiedliche Art und Weise. Als Sohn eines geschätzten Barons und des bislang letzten Streiter des Reiches, als Freund von Eldrinn ... Paske und Esra ... Dass er damals Corelian Alarich von Rabenmund begegnet war und sich dem Zug des Drei-Schwestern-Ordens angeschlossen hatte ... Gedankenverloren zeichnete er mit zwei Fingern das Mal Kors nach ... Das Abschiedsgeschenk Raskordas ... dass er die Blutkerbe überlebt hatte ... Dass Aruna an seine Seite zurückgekehrt und nicht bei ihren Schwestern in Warunk geblieben war ... Dass sie beide zugelassen hatten sich einzugestehen, dass sie mehr waren als Gefährten, mehr als Freunde. Dass alles so war, wie es sich ergeben hatte und er Zweimühlen bei Erlan in guten Händen wusste. Er hatte viele Gründe dankbar sein. Zum ersten Mal seit langer Zeit spürte er Frieden.
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Epic × 2!
Unter Löwen Pt. 2
Vor den Toren von Travinianshall, 29. Travia 1033 BF

Der Boden wurde zusehends morastiger, als sie sich dem Dorf näherten und die Kopfsteine, derer sie auf dem Weg noch hier und dort ansichtig geworden waren, waren schon kurz hinter der Kuppe mit dem atemberaubenden Blick über das Ochsenwasser zurückgeblieben. Was blieb, war ein mit aufgeschütteten Kieselsteinen nur notdürftig befestigter Weg, kaum breit genug für ein einzelnes Fuhrwerk. Auch die Bewegungen der Pferde unter ihnen waren steif und angespannt und so war Wulfgar froh, dass das Gelände nicht zu allem Überfluss auch noch stark abfiel, sondern auf einer Linie mit dem gewaltigen See auf die von Schilfrohren und Sumpfgräsern dominierte Uferzone und das darin liegende Dorf zuführte. Natürlich begünstigte dieser Umstand die Feuchtigkeit des Bodens, aber zumindest war der Pfad in einem besseren Zustand als viele der getrampelten Lehmkuhlen entlang des Neunaugensees, die mit tiefen Pfützen und unvermittelt einknickenden Unebenheiten zur tödlichen Falle für den ungeübten oder auch unachtsamen Reiter werden konnten. Graf Hagen strahlte, wohl aus diesen gemeinsamen Erinnerungen schöpfend eine größere Gelassenheit in seinem Tritt aus als Arunas schlanke und elegante Stute, die unruhig über den schlammigen Kies tänzelte. Sicherlich war Roana aus den Drachensteinen an steile Geröllfelder und unwegsame Bergpässe gewöhnt, aber Wulfgar vermutete, dass die Amazonenburg Yeshinna so hoch oben im unzugänglichen Gebirge lag, dass schwarzen Wolken ihre Last zumeist schon an den niederen Berghängen abgeregnet hatten. Steine ja, aber das unter den Hufen schmatzende Wasser schien ihr nicht geheuer. Aber auch Wulfgar musste zugeben, dass er sich wieder wohler fühlen würde, wenn er wieder festen Stein unter den Stiefeln spüren konnte. Offensichtlich hatte auch die Ankündigung durch den schneidigen Korporal der Zweimühlener Grenzreiter, Bastan Erlgau, ihre Wirkung nicht verfehlt.

Rund um das kleine, kaum eine Wagenbreite messende Tor herum hatte sich eine Traube von Menschen gebildet, die gespannt und tuschelnd im Schatten des steinernen Torhauses ihrer Ankunft harrten. Zwei Frauen in polierten, silbern schimmernden Kettenhemden und strahlend weißen Wappenröcken, die lediglich am Saum den einen oder anderen Schlammspritzer aufwiesen, hatten links und rechts von der Toröffnung Stellung bezogen und beobachteten das Treiben aufmerksam. Sie trugen eiserne Spangenhelme, die ein Nackenschutz aus Kette und ein dunkler Pferdeschweif zierten, und hatten die eine Hand locker auf einen schweren, tropfenförmigen Reiterschild gelegt, während die andere wachsam am Schwertgriff ruhte. Auf ihrer Brust prangte dasselbe Wappen wie auf dem bemalten Holz der großen Schilde. Roter Löwe und rotes Einhorn, in stummer Eintracht einander aufsteigend zugewandt, auf silbernem von sechs blauen Balken zerteilten Grund in blauer Borte. „Sieh mal, Vater, eine Amazone!“ drang aus der Menge die aufgeregte Stimme eines Mädchens zu ihnen herüber. Wulfgar schmunzelte und dachte daran, wie sehr sich die Menschen im Zweimühlener Umland und den angrenzenden Baronien doch schon an das Auftreten und die Erscheinung seiner Gefährtin von den sonst in diesen Landen kaum verkehrenden Amazonen doch gewöhnt hatten. Wie besonders es war, hatten viele schon vergessen oder verdrängt. Die berittene Gesandtschaft reihte sich jetzt, da der schlammige Pfad sich weiter verengte wie auf einen unausgesprochenen Befehl in eine geschlossene, enge Linienformation ein, die dem voranreitenden jungen Herren von Erlgau folgte, dem Wulfgar erst kürzlich das alte Lehen seiner Familie an der Reichsstraße zugesprochen hatte.

Durch den Torbogen konnte er jetzt erkennen, dass eine kleine Delegation von Gerüsteten auf das geöffnete Tor zuhielt, um zu den dort bereits postierten Wachen zu stoßen. Wulfgar hob die Hand und seine Stimme dröhnte, vom über das Ochsenwasser streichenden Wind getragen über seine Begleiter hinweg. „Absitzen!“ Es war eine kleine Geste, aber wenn es nach ihm ging, eine der wichtigsten. Er wollte ihnen auf Augenhöhe entgegentreten. Praida, die sich halblaut über den Schlamm und ihre frisch geputzten Stiefel beschwerte, erntete einen kurzen, strengen Seitenblick, der die blonde Hünin verstummen und dem Vorbild Wulfgars, der sich aus dem Sattel wuchtete und im weichen Erdreich mit einem lauten Schmatzen aufsetzte, Folge leisten ließ. Aruna, Bastan und die Uhdenberger taten es ihm gleich. Wulfgar klopfte Graf Hagen aufmunternd auf den grau gescheckten Hals, dann griff er den Zügel fester und lenkte den Tralloper am jungen Erlgau vorbei, der ihm jetzt respektvoll die Führung überließ. Der Blick zum Torhaus verriet ihm, dass man auch hier besser Vorsicht als Nachsicht walten ließ, hatten sich doch jetzt über der Gesandtschaft zwei leicht gerüstete Bogenschützen auf dem niedrigen Zinnenwerk des kleinen Wehrbaus eingefunden, die sie mit am Bogen aufgelegten Pfeilen aufmerksam beobachteten. Sie hatten nicht angelegt und alleine das wertete Wulfgar als Teilerfolg. Vorsicht war angebracht, gerade in der Wildermark und … noch mehr in den sich abzeichnenden, unruhigen Zeiten, die noch vor ihnen lagen.

Die Linie der Kettenhemdträger vor ihnen öffnete sich und ein gütig lächelnder Greis in bis zum, bei den Witterungsverhältnissen unvermeidlich, schlammbesudelten Saum, strahlend weißer Robe trat ihnen entgegen. Für die 70, vielleicht sogar 80 Sommer, die er zählen musste, wies er eine bemerkenswert aufrechte Haltung auf und aus seinem faltigen Gesicht leuchteten ihm unter dichten, buschigen und schlohweißen Augenbrauen lebendig strahlende, dunkelblaue Augen entgegen. Den Kampfstab in seiner Linken fest im Griff hob der Mann die rechte Hand zum Gruß und gab den Blick frei auf das komplexe Siegel, das im Zentrum einen Greifen trug, ließ sie jedoch wieder sinken, bevor Wulfgar alle der darauf befindlichen Details hätte erfassen können. „Im Namen des Ordens des Heiligen Zorns der Göttin Rondra begrüßt Euch Serafin Feuerblitz, Wächter und Hüter des Wissens und Magister Magnus des Kaiserlich Garethischen Lehrinstituts vom Schwert und Stabe zu Gareth und der Accademia Contramagica Cusliciensis in Travinianshall, auf Wacht Greifenfeste.“ Ein verhaltenes Lächeln umspielte seine dünnen Lippen, seine Stimme war stark und klar. „Wulfgar Nordfalk von Moosgrund, Vogt von Zweimühlen und Edler zum Zweimühlener Land, erwidert den Gruß und dankt Euch für das persönliche Empfangen sowie, in Travias Namen, Eure Gastfreundschaft, die wir für die Dauer unseres Aufenthalts nach altem Recht und Brauchtum dankbar in Anspruch nehmen. An meiner Seite um Einlass bitten Aruna aus Yeshinna, Schildmaid Weidens, Trägerin des Greifensterns in Gold und Edle zum Zweimühlener Land … Bastan Erlgau, Vogt des gleichnamigen alten Familienlehens entlang der Reichstraße sowie die Burgoffiziere Praida Unkenspringe und Uribert Habertümpel von Baliho, beides verdiente Recken aus der Heldenschmiede Schwert und Schild. Jene unter dem Banner der Uhdenberger Legion dienen unserem Geleit.“

Der Magus ließ mit einem freundlichen Nicken erkennen, dass er befand, dass Wulfgar die vorgeschriebene Etikette und Höflichkeit gewahrt hatte, die er sich erwartete und er winkte sie mit einer einladenden Geste näher heran. Der Weidener und sein Zug, die zur Begrüßung kurz innegehalten hatten, folgten seiner Einladung. Das hallende Gemurmel der Schaulustigen schwoll an als Wulfgar und seine Begleiter in den Schatten des Torhauses traten. Feuerblitz trat ihm entgegen und tatsächlich loderte im von Alter gezeichneten Gesicht des Mannes die Flamme des Lebens, die ihm vor allem aus seinen dunkelblauen Augen prüfend entgegensprühte. „Meine Brüder und Schwestern werden sich um Eure Tiere kümmern. Wenn ihr mir bitte folgen mögt … Wächter der Wacht Phelian Winterkalt von Travinianshall und Obristin Thyria Ehrwalt erwarten Euch.“ Ohne sich das kurze Zögern, dessen Ursprung in der Natur der Wildermark begründet lag, anmerken zu lassen, drückte er die Zügel von Graf Hagen einer jungen Ordensritterin in die Hand, lächelte seinem Schimmel aufmunternd zu und klopfte ihm liebevoll den staubigen Hals. „Dann wollen wir sie nicht warten lassen.“ Die wenigen verbliebenen Ordenskrieger, die keines der Pferde in die nahen Stallungen führte, formierten sich locker hinter der Gesandtschaft aus Zweimühlen, die sich von dem Magus über die lehmige Hauptstraße des kleinen Weilers zu der heruntergelassenen Zugbrücke der stolzen, mit Efeu umrankten Wasserburg in der Mündung des Dergel führen ließ.

Wulfgar war überrascht von der Geschwindigkeit, die der greise Magier auf dem schlammigen Grund an den Tag legte und gab sich Mühe Schritt zu halten. „Sagt, Herr von Moosgrund, was führt Euch ans Ochsenwasser? Reist Ihr im Auftrag der Kaiserin?“ Der unverbindliche Plauderton des Magiers ließ ihn vorsichtig, aber nicht unhöflich bleiben. „Nein, hochgelehrter Magister, die Legitimation meiner Person als Vogt des Zweimühlener Landes ermächtigt mich nicht dazu, im Namen unserer kaiserlichen Majestät für den Städtebund zu werben. Ich bin einzig und allein als Einzelperson und der Mann, wie er hier vor euch am Ufer des Dergel steht, zu euch gereist um mich mit den ehrwürdigen Hochmeistern des Bundes zu beraten. Über das, was war … das, was ist und das, was noch kommen mag.“ Das Nicken des alten Magisters ist fast unmerklich. „Sehr wohl, Euer Wohlgeboren. Die Kunde von eurem … nennen wir es Sieg … über den Falkenbund hat weite Kreise gezogen und für einige Unruhe in den angrenzenden Baronien gesorgt. In Rammholz, Oppstein und Echsmoos heißt es gar, dass die Barone ihre offene Unterstützung für den Cronverweser ausgesetzt oder zumindest etwas vorsichtiger formuliert haben.“ Wulfgar beobachtete mit einem schmerzlichen Lächeln, wie zwei Kinder, ein Mädchen und ein Junge einen ausgelassen bellenden, durch den Schlamm tollenden Hund durch eine der Gassen zwischen den einfachen, auf niedrigen Pfählen über den feuchten Grund erhobenen Lehmhütten jagten. Beide hielten inne, als sie ihrer Gruppe gewahr wurden, aber es dauerte nur einen Moment bis das Mädchen auf dem Absatz kehrtmachte und mit heller Stimme nach seinen Eltern rief. Offenbar hatten sie sich so sehr in ihr Spiel vertieft, dass ihnen die entstandene Aufregung im Dorf völlig entgangen war. Umso größer jetzt die unverfälschte, ungebändigte Freude über die unverhoffte Entdeckung, die sich jetzt Bahn brach. Der Junge warf ihnen … Aruna, ihm, seinem Gefolge mit großen, leuchtenden Augen einen Blick zu, dem ein Respekt, eine Bewunderung anhaftete, die sich in dieser ungetrübten Form nur noch selten, wenn überhaupt, in den Augen eines Erwachsenen entdecken ließ. Wulfgar lächelte.

„Es steht Ucurian zu für das Lehen seiner Tochter einzutreten, es spricht gar für seinen Geist und Mumm als Vater. Aber er hat viel gewagt, als er hoffte Talf für den Falkenbund einzufordern und sich eine breite Achse entlang der Reichsstraße zu sichern.“ Der alte Serafin musterte ihn eindringlich. „Ein ungewöhnliches Bündnis habt ihr dort auf den Ausläufern der Baernfarn-Ebene geschmiedet. Answin der Jüngere? Der alte Haudegen Bregelsaum? Sie sind sich selten grün und noch weniger hätte ich erwartet die goldene Scheibe neben dem Raben über ein und derselben Schlachtlinie flattern zu sehen.“ Wulfgar begegnete der unverhohlenen Überraschung des Magiers mit einem lediglich angedeuteten Schmunzeln. „Ebensowenig wie Ucurian. Es ist meiner Gefährtin zu verdanken, dass sich Talf selbst gegen den Falkenbund stellte, obgleich die Übermacht erdrückend schien. Rondra war mit uns und in diesem Moment scherte sie wohl nichts weniger als die Farben und Wappen der Banner … Ucurian von Rabenmund bedrohte mit seinem Vorstoß die so mühsam errungene Ordnung in unseren Landen und es erfüllt mich mit Hoffnung, dass selbst alte und tiefsitzende Ehrenhändel und Streitereien zum Erliegen kommen, wenn jemand den ohnehin brüchigen Frieden zu erschüttern wagt.“ Es entging ihm nicht, dass ihn der erfahrene Magister aushorchte, aber er hegte deshalb keinen Groll. Die Wildermark war gefährlich und das begann direkt bei der Wahl seiner Verbündeten. Wulfgar konnte es dem Magier nachsehen, dass er zumindest schon einmal ein grobes Bild davon gewinnen wollte, wen er hier vor sich hatte. „Es muss dem goldenen Falken wirklich schwer gefallen sein die Entscheidung zu fällen und das Schlachtfeld zu verlassen.“ Der Magus ließ seine Vermutung unkommentiert im Raum stehen und diesmal blieb ihm der Weidener eine Antwort schuldig. Natürlich hatte die Größe der drohenden Feldschlacht eine Rolle dabei gespielt Arnôd von Eulenberg von einem Angriff abzuhalten, hätte sie das Mächtegefüge innerhalb der Wildermark auf einen Schlag in die eine oder andere Richtung kippen lassen können. Aber weder davon … noch von dem nächtlichen Gespräch mit Ucurian … musste der Weißmagier erfahren. Die Ungewissheit … die Gerüchte waren eine mächtige Waffe, wenn man sie zu nutzen wusste.
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Epic × 2!
Heimkehr
Die hölzernen Dielen knarzten unter seinen Stiefeln, als er durch die, mit feinen Schnitzereien und Glaseinlassungen verzierte Tür nach draußen trat. Der frische Wind, der vom Pandlaril her an der nahen Außenmauer emporstieg, vereinte sich hier mit der tobrischen Brise, die von der Schwarzen Sichel her über das Land strich. Feiner Blütenstaub bedeckte das weiß getünchte Geländer der Veranda, als sich seine ledernen Handschuhe darum schlossen und er sich auf dem hölzernen Querbalken abstützte, um das Treiben auf der Herzöglichen Straße zu beobachten, die hier ohne sichtbaren Übergang mit der Reichsstraße gen Süden verschmolz. Der Duft der Blumen, die in voller Blüte die Töpfe vor dem Eingang des Hotels Pandlaril mit Farben und leuchtendem Leben erfüllten und sich leicht im Windhauch regten, erfüllte die Luft. Ein leichtes Schmunzeln glitt über seine Lippen, als der drehende Wind den Stallgeruch unzähliger Rinder durch das Südtor in seine Nase trug, den Paske nicht müde wurde zu jeder Gelegenheit zu erwähnen. Er störte ihn nicht, ebenso wenig wie der beißende Geruch des billigen Knasters, den der blonde, sommersprossige Bursche an einen der Stützpfeiler gelehnt, nur wenige Schritt von ihm entfernt schmauchte.

Die Glieder seines meisterhaft gearbeiteten Toschkril-Kettenhemds klimperten leise, als er sich streckte und mit langsamen Drehbewegungen seines Kopfes seinen Nacken lockerte. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte er wieder den weißen Wappenrock angelegt und über seiner Brust spannte sich umrahmt von einem gleichfarbigen Schild der schwarze stürzende Falke, der mit angelegten Flügeln und vorwärtsgeworfenen Krallen nach unsichtbarer Beute griff. Er hatte die Farben seines Hauses lange nicht getragen. In der Wildermark … außerhalb Weidens maß man Ihnen wenig Bedeutung bei und er war auch schon Rittern begegnet, die sein Wappen nicht erkannt hatten. Es fehlte die goldene Borte mit den goldenen Kugeln, die heraldische Abbildung des Orden vom Blute, die Ardariel ums Wappen trug und hier auch am Tor, das zur Südstadt führte, nur träge im Wind bebte. Er selbst führte das unverfälschte urtümliche Wappen der Nordfalks, dass sein Vater selbst fast ausschließlich auf Turnieren getragen hatte, die er aufgrund der unruhigen Zeiten, auf die sich sein Wirken beschränkte, nur selten besucht hatte. Der Kampf gegen die Answinisten, die Schwarzpelze und das Jahr des Feuers, ein Leben im Schatten der vielen Konflikte … das er aber, wann immer seine Pflichten es ihm erlaubten in der alten Feste über Moosgrund bei seiner Schwester und ihm verbracht hatte.

Er sah zwei schmutzigen Gestalten mit dreckverkrusteten Stiefeln und staubigen Gesichtern dabei zu, wie sie ihre Pferde an den schweren Messingringen am Brunnen neben der Straße vertäuten und sich gestenreich unterhielten. Der Mann, ein schlacksiger, fast hager zu nennender Kerl mit dunklen, schulterlangen Haaren und einem nicht ganz gleichmäßig seine dreckstarrenden Wangen bedeckenden Bart zog die Handschuhe von den Händen und klopfte sie an seiner abgewetzten Wildlederhose ab. Zeitgleich entrang sich ein grobes, aber deshalb nicht weniger aufrichtiges Lachen seiner Brust, während seine Begleiterin mit den blonden, von der Sonne ausgebleichten Haaren und der niedlichen Stupsnase mit fröhlich glitzernden Augen eine Geschichte, eine Zote, einen Witz, was er alles von hieraus nicht hören konnte zum Besten gab, während sie zeitgleich einen Eimer aus dem Brunnen nach oben zog. Er betrachtete sie nachdenklich. Abgenutzte Lederkluft, breitkrempige Strohhüte, die sie auf den langen Ritten vor dem zunehmend durchdringenderen Blick von Praios flammendem Auge schützten.

Handbeile in Axtgehängen an den Satteln der Pferde und schwere Dolche an den Gürteln. Die Packtaschen aufgebläht, ausgebeult von allem, was man auf einer tagelangen, ja wochenlangen Reise so brauchen konnte. Am Sattelknauf des Pferdes des Mannes baumelte noch der frisch erlegte Hase, den er wohl noch auf dem Weg in die Stadt geschossen hatte. Ein hartes, unerbittliches Leben … das hatten die Stimmen in den Absteigen, den Kneipen der Viehtreiber immer verkündet, die meisten davon gehörten aber den Rinderhirten selbst. Ein freies Leben? Nein, eher die Weite des Weidener Landes vor sich und dennoch die Gewissheit die kühle Kette zu spüren, an der die Rinderbarone sie an die Herden und ihren Zug fesselten. Was nützte die Freiheit, die ein Pferderücken versprach, wenn man sie nicht auskosten konnte … sich nicht überall hinwenden und reiten konnte, wohin Aves einen lockte? Seine Mundwinkel krümmten sich zu einem schiefen Lächeln, auch er hatte seine Freiheit, das größte Geschenk seiner Entscheidung gegen den Werdegang eines Weidener Ritters eingetauscht … abgegeben, ja vielleicht besser … eingeschränkt. Gegen Zweimühlen.

Eine Entscheidung, die er nicht bereuen konnte, ganz gleich wie sehr er es versuchte. Auch gemessen an dem, dass sie alle einen Preis dafür bezahlt hatten. Nichts war umsonst, aber wenig fühlte sich besser an als die Erkenntnis um das, was sie taten. Für die Kaiserin … das Reich … und für die Menschen. Die Wildermark.

Und jetzt, hier, an diesem Ort schien es, als hätte Satinav diesen Ort auf seinen Reisen übersehen, vielleicht gar gemieden. Etwas von dem erhalten, was sich seit einem Dutzend Götterläufe unberührt vor der Schwelle des Hotels Pandlarin ausbreitete. Ganz so als würde die Zeit stillstehen. Eine Reise in seine Vergangenheit. Lediglich der Blickpunkt hatte sich geändert. Damals war er ein Teil Balihos gewesen … heute kehrte er zurück als Reisender. Doch die Menschen, die sich hier über die Hauptstraße drängten, schien es nicht im Geringsten zu stören. Er war nur ein kleines Rad in diesem Mühlwerk und solange er nicht zum Grund wurde, warum das Räderwerk in Stocken und Rattern geriet, war er einer von ihnen. Das liebte er an Weiden. Paske schob sich an ihm vorbei, seine Satteltaschen geschultert und pfiff leise ein fröhliches Liedchen, während er auf den Stall zuhielt, in dem Grimmerich und die anderen standen. Esra folgte ihm in ihrer bunten, an den Ärmeln hochgekrempelten Robe und vereinzelte Wortfetzen ihres Tuschelns wehten zu ihm herüber, die sich allerdings im Gemurmel und Lärmen der Gassen verloren. Es war an der Zeit. Er stemmte sich hoch, schritt zur Tür und griff um den Rahmen herum nach den Packtaschen, seinem in Leder eingeschlagenen Zweihänder und wuchtete die schweren Beutel vom knarzenden Boden hoch. Sie waren auf dem Weg. Nach Hause. Zu dem Ort, an dem er das Licht Deres erblickt hatte.

Zu dem Ort, den er damals ein Knirps in Leder und Leinen im Sattel vor seinem Vater sitzend verlassen hatte. Und zu dem er jetzt unter dem Banner Zweimühlens wieder zurückkehrte.
Session: Wind in den Weiden - Moosgrund - Monday, Jun 11 2018 from 2:00 PM to 5:30 PM
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Unter Löwen Pt. I
Wenige Meilen hinter Arlingen, 29. Travia 1033 BF

Der Morgennebel lag in fadenartig zerfasernden Schwaden noch über den wild wuchernden Wiesen, die der anhaltende Regen der letzten Tage so kurz vor dem Wintereinbruch noch zu einem letzten, kraftvollen Aufbäumen verlockt hatte. Kräuter und späte Herbstblumen säumten den nur notdürftig gepflasterten Pfad, der den verblichenen Wegweisern zufolge gen Ochsenwasser führte. Zwischen den Steinen durchstießen Unkraut und Wiesenblumen das mehrfach unterspülte Kiesbett oder besser den kümmerlichen Rest davon, der unter den Hufen ihrer Pferde mehr knirschte als tatsächlich das markante Hufgetrappel erschallen zu lassen, das ein gutes halbes Dutzend Berittener sonst wohl begleiten würde. Der Duft von nassem Gras lag in der Luft und ein sanfter Wind zupfte, selbst noch in schläfriger Zurückhaltung, an Wappenröcken, Wimpeln, Umhängen, Haaren und Mähnen. Im Rahja erhob sich, zunehmend in goldene Speere gleißenden Lichts gehüllt, das Praiosmal über den fernen Gipfeln der Trollzacken und vertrieb das herbstliche Spiel feuriger Farben von den wenigen Wolkenstreifen, die über das klare Blau des Himmels zogen. Seine sonst so verheißungsvolle Wärme vermochte Wulfgar auf seinen von der morgendlichen Brise ausgekühlten Gesichtszügen kaum zu spüren, obwohl der blendende Glanz bunte Punkte vor seinen Augen tanzen ließ, als die kleine Gesandtschaft den sanft ansteigenden Hügel erklomm. Vor ihnen breitete sich glitzernd das Ochsenwasser aus, hier zu linker Hand an seinem Firun zugewandten Ufer umschmiegt vom Schwarzen Ochs, wie die einfache Landbevölkerung den Streifen dichten und dunklen Nadelwalds, der auch als Arlinger Forst bekannt war und sich bis zu den Ausläufern der Trollzacken erstreckte, zu nennen pflegte.

Vor ihnen fiel das Gelände wieder ab und führte auf dem gangbaren, aber kaum für schnellere Ritte geeigneten Weg in ein kleines an der Ufersenke gelegenes und landwärts von einer gut drei Schritt hohen Mauer umgebenes Dorf. Dahinter und an der Mündung des Dergel in den Ochsenwasser aus den gurgelnden Fluten ragend lag jedoch das eigentliche Ziel ihrer Reise. Die Wasserburg Travinianshall, die trutzig aus dem über dem See aufsteigenden Morgennebel ragte. Stammsitz des märkischen Ablegers des Ordens des Heiligen Zorns der Göttin Rondra, der vor gut zwei Götterläufen den Löwenbund zur Befriedung der Wildermark ausgerufen hatte. Wulfgar ließ die Hand mit dem Zügel auf den Sattelknauf herabsinken, streckte den Rücken durch und ließ langsam seinen Kopf kreisen. Seine Gelenke knirschten, während er den Anblick auf sich wirken ließ und insgeheim bedauerte, dass Reisende nach Zweimühlen dieselbe Ehrfurcht beim Anblick der alten Zweimühlener Grafenburg wohl kaum verspüren würden. Zu lieblich lag das alte, efeuumrankte Gemäuer mit seinen wohnlichen Türmen und einladenden Fenstern im Herzen der Stadt, entbehrte dabei aber grundsätzlicher Wehrhaftigkeit, die selbst ein befestigter Wehrtempel im nördlichsten Weiden vorweisen konnte. Es war der Krieger, der aus ihm sprach. Der Junge, der in der Moosburger Feste Flaecht-uf-sten aufgewachsen war, seine Jugend auf Burg Räuharsch im Rotwasser verbracht und in Diensten des Stadtherrn von Trallop, Tannfried von Binsböckel, auf der Bärenburg gedient hatte. Rondred Donnerklinge von Salzsteige, seines Zeichens Ardariels und Wulfgars Schwertvater, hatte ihnen einst in seinen Abhandlungen über die Kunst des Krieges und der Belagerung eingebläut, dass eine wahre Burg noch eine weitaus wichtigere Aufgabe erfüllt als nur die offensichtliche.

„Eine wahre Burg lässt den Stolz in der Brust des Betrachters schwellen und nährt die Gewissheit, dass sie über alle ihrer Schutzbefohlenen wacht. Das hier nicht nur die Hand lebt, die herrscht und Recht spricht, sondern auch die Faust, die den Schild eines jeden Angreifers, sei er noch so vermessen und kühn, zerschmettert.“ Die Andeutung eines Lächelns huschte über seine bartgesäumten Mundwinkel. Er hoffte, dass die Zweimühlener ihre Hoffnung aus ihren Taten und nicht dem Anblick ihres Prunkschlösschens schöpften. Der aufkommende Wind, der über die Erhebung strich, blähte die rot-weiß geviertelte Wappendecke, die Graf Hagen trug, auf und ließ an seiner Flanke stolz das Balihoer Wappen, die zwei silbernen Wagenräder auf Rot, flattern. Die Geräusche wogenden, sich in der Brise räkelnden Stoffes aus Richtung der emporragenden Spitzen der am Sattel befestigten Lanzen verrieten ihm, dass es ihm die Banner an deren Ende kurz unter dem blinkenden Stahl gleichtaten. Das war ihr Stolz, die sich unbeugsam im Hauch der Berge regenden beiden übereinander gestellten, roten Mühlenflügelräder auf Gold, auf Fahnen schräg geteilt in Rot und Gold. Ein Wappen, das sie, seitdem die Truppen des Bundes auf den Feldern vor Talf den Vormarsch des Falkenbundes zum Erliegen gebracht hatten, nicht mehr zu verstecken brauchten. Dass in einem Atemzug genannt wurden mit dem tiefer in der westlichen und nördlichen Wildermark operierenden Bund der Stahlherzen, dem Aufgebot der Kaiserlichen, dem ansehnlichen Tross der Häuser Rabenmunds und Bregelsaum, ja gar auch dem Gefolge des Cronverwesers Ucurian von Rabenmund, dem sie die Stirn geboten hatten. Den Gedanken an den Preis, den sie bezahlt hatten, würgte er herunter, als Aruna auf Roana zu ihm aufschloss und sich an seine Seite gesellte. Aller Pracht im Licht des Mals leuchtender Rüstungen, der in kräftigen Farben gehaltenen Wappen und Röcken und der geschmückten Pferde zum Trotz war sie diejenige, die alles überstrahlte.

Ihre aufrechte, stolze Haltung, die in keinem Moment wie die eines geschulten, sondern wie die eines geborenen Reiters wirkte und jeglicher Bewegung im Sattel eine Leichtigkeit verlieh, wie sie selbst erfahrene Turnierreiter niemals an den Tag würden legen können. Sie ließ es einfach aussehen von der Art, wie sie die Zügel führte, wie ihr Körper mit den Bewegungen ihrer eleganten Stute verschmolz, bis hin zu dem Moment, an dem sie wieder vom Pferderücken glitt. Die vollendete Reiterin. Obgleich der stählerne wie exotische Helm mit seinem auffälligen Schweif aus Rosshaar über den Satteltaschen festgezurrt, im gleichmäßigen Tritt Roanas mitschwang und somit dem Bild der Amazone aus den Legenden seine Vollendung verwehrte, kam er nicht umhin, ihre Erscheinung, die sich ihm hier in ihrer reinsten Form darbot, zu bewundern. Der kunstvoll verzierte Bronzekürass, die sich eng und in fast sinnbildlich schützender Umarmung an ihre schlanke, kampfgestählte und dabei keinesfalls der Weiblichkeit entbehrenden Körperform schmiegte, dabei die fein geschwungenen, ja von begabter Hand gemeißelten Schultern und Arme entblößte, deren sonnengebräunte Haut jede Regung, jedes noch so kleine Spiel der bei Berührung felsenharten Muskeln preisgab. Ebenso ihre langen, schlanken Beine, die gekrönt vom wippenden ledernen Streifenschurz gegen die kraftvollen Flanken ihres edlen Amazonenrosses gepresst lagen, ohne dass auch nur der kleinste Hinweis in ihrem Gebaren Anstrengung verriet. In deren weiblicher Anmut nur der im Kampf geschulte Betrachter jene Stärke zu erahnen vermochte, die der bewegungsintensive Kampfstil der Amazonen von den Töchtern der Donnerin einforderte. Eine fahle, ausgebleichte Narbe hob sich auf ihrem linken, ihm zugewandten Oberschenkel von ihrer dunkleren Haut ab, aber Wulfgar war sich sicher, dass sie nur ihm auf den ersten Blick auffiel. Er kannte ihre Narben, jede einzelne davon.

Der Blick, den sie mit ihren im Glanz der aufgehenden Sonne dunkel leuchtenden, fast ölig schimmernden braunen Augen in die Senke warf, war prüfend, entschlossen und verströmte den unbeugsamen, unerschütterlichen Stolz, den er so an ihr bewunderte. Jetzt in diesem Moment. Er wusste, dass dieses Gesicht in all seiner fast mystischen und exotischen Schönheit einer nach der Göttin selbst geformten Kriegerin auch Trauer, Freude und … Liebe in einer Form ausstrahlen konnte, dass sie ihn in seinem tiefsten Inneren berührten. Wie es Rondra selbst gebot, loderte in allem, was sie tat, die aufrichtigste und unverfälschteste Form der Leidenschaft, die er jemals in einem Menschen erlebt hatte. Ihr wallendes, kastanienbraunes Haar umpeitschte ungezähmt ihre edel geschnittenen Züge und sie begann erst jetzt die wilde Flut in einem Zopf zu bändigen. Aruna liebte das Gefühl des Windes in ihren offenen Haaren. Wie er mit einem Schmunzeln zur Kenntnis nahm, entzogen sich auch dieses Mal die beiden widerspenstigen Strähnen ihren geübten Handgriffen und umtanzten weiter unverzagt, entfesselt ihr schönes Gesicht. Er hatte ihr unzählige Male gesagt, dass die beiden ihr edles und sonst auch ein wenig streng wirkendes Mienenspiel wundervoll einrahmten, aber sie hatte sie jedes Mal spielerisch und mit schmollend geschürzten Lippen aus ihrem Blickfeld gepustet. Vielleicht hatten seine Worte aber doch etwas bewirkt, immerhin schien sie sich daran nicht mehr zu stören. Er warf ihr ein liebevolles, wissendes Lächeln zu und nur für einen kurzen Moment, in dem sie sich an der Spitze der Gesandtschaft alleine und für sich wähnten, geriet das einem Tempelfresko entsprungene Bild der fleischgewordenen Amazone ins Wanken, als sie es fast schüchtern und geschmeichelt in diesem flüchtigen Augenblick erwiderte. Dann blätterte der für einen Wimpernschlag durchschimmernde Ausdruck der Frau, die er so schätzte … ja, liebte, mit dem nächsten Windstoß von ihrem Antlitz ab und ihre Konzentration richtete sich wieder auf das kleine Dorf und die daran angrenzende Festung.

Fast widerstrebend löste er seinen Blick von ihr und seine Augen folgten ihren hinab in die Senke. „Und du bist dir sicher, dass das eine gute Idee ist?“ Wulfgar zuckte mit den Achseln und setzte schief lächelnd eine Unschuldsmiene auf. „Wann hatte ich jemals eine schlechte?“ Ihre braunen Augen blitzten kurz kampfeslustig auf, sie blieb ihm jedoch eine Erwiderung schuldig und lachte stattdessen nur kurz auf. „Zugegeben, Kaiser Valpos Entzücken nach der Ernennung von Erlan zum Statthalter spielen zu wollen, war keine meine Sternstunden, aber wir wären bestimmt miiiindestens bis Darpatien gekommen, wenn Paske nicht schon in Almada schlappgemacht hätte.“ Ein spitzbübisches Grinsen konnte Wulfgar sich nicht verkneifen, noch weniger er aus dem Augenwinkel ihr Kopfschütteln wahrnahm und wusste, dass auch ihre Lippen dabei ein leicht tadelndes, aber zugleich belustigtes Lächeln zierte. Er fühlte das Bedauern in sich aufsteigen, dass sie sich in den vergangenen Wochen gefühlt so weit voneinander entfernt hatten, sie sich vielleicht sogar gemieden hatten, weil sie beide nicht wussten, wie sie mit ihrer Situation … dem Verlust umgehen sollten. Einfach nur reden wäre wohl das gewesen, was die meisten anderen gemacht hätten … einander trösten. Aber so einfach war das nicht. Nicht für ihn. Nicht für sie beide. Sie waren Krieger. Sie fürchteten den Tod nicht, solange es nur um sie selbst ging. Einen solchen Verlust zu verkraften, war etwas gänzlich anderes. Wulfgar hatte versucht damit seinen Frieden zu machen, den Tod ihres ungeborenen Kindes zu akzeptieren … ihn hinzunehmen. Aber verheilen würde diese Narbe niemals ganz. Und da er seinen eigenen Schmerz kannte und erlebt hatte, fürchtete er sich vor der Flut an Emotionen, die er in Aruna bei diesen Gedanken aufwühlen könnte. Die sie beide mitzerren und in unterschiedliche Richtungen davonreißen könnte. Sicherlich war das ein Teil seiner Angst. Aruna jetzt auch noch zu verlieren.

Er hatte sich entschieden, diesen Kampf in sich selbst auszutragen. Nicht alleine, dazu war Paskes Anteil an seiner langsamen Genesung zu groß gewesen, aber dennoch, davon war er überzeugt, auch für sie. Um ihr zu zeigen, zu beweisen, dass er noch immer derselbe war. Dass sich für ihn nichts geändert hatte. Das, was sie verloren hatten, war nicht vergessen und er würde dafür sorgen, dass diese Erinnerung nicht verblassen würde, aber jetzt brauchte Aruna ihn. Wulfgar. Als den Menschen, der ihr immer zur Seite gestanden hatte. „Träumst du schon wieder?“ durchbrach ihre Stimme seine Gedanken und er schüttelte sie ab, während ein verschmitztes Lächeln seine Mundwinkel in die Höhe schob. „Vielleicht …“ raunte er und ließ seinen Blick ganz offensichtlich einige Momente zu lang genießerisch über ihre Gestalt gleiten. Schelmisch zwinkerte er ihr zu und genoss es sichtlich sich einzubilden, dass sich unter der sonnengebräunten Haut ihre Wangen röteten. Zumindest redete er sich das ein. Im aufsteigenden Licht der Praiosscheibe, das sich über die zerklüfteten Gipfel des Gebirges reckte, zerflossen solcherlei feine Kleinigkeiten im hellen Glimmen, das sich mit stetig wachsender Kraft und Wärme über die gezackten Berge, den See, die Ebene vor ihnen, aber auch über seine Begleiterin und ihn selbst ergoss. „Ich für meinen Teil würde als einer deiner Arbeiter in Talf ja die Gelegenheit nutzen und in Abwesenheit meiner gestrengen Vorarbeiterin schön eine Hängematte zwischen zwei bereits gestellten Säulen spannen und mir die letzten, wärmenden Strahlen vor dem ersten Schnee auf den Pelz brennen lassen.“ Aruna tätschelte sanft Roanas Hals. Die Stute schnaubte behaglich, aber das kurze Scharren ihrer Hufe verriet, dass sie am liebsten von dem ausgetretenen Pfad abgewichen, ausgebrochen und entlang der Uferlinie über die scheinbar endlose grüne Weite gen Praios gesprengt wäre. In ihrem Temperament mit oder ohne Reiterin. Aber Arunas beruhigendes Klopfen galt beiden, kämpfte die Amazone sicherlich gegen den selben Trieb, den gleichen Impuls an.

Wer konnte es den beiden verdenken? Seit etwas mehr als zwei Götterläufen war Zweimühlen jetzt ihr neues Zuhause. Es war ihnen eine zweite Heimat geworden, aber dennoch hielten die Palisaden nicht nur die Bedrohung von der stetig steigenden Zahl der Städter fern, nein, sie waren auch Sinnbild für die Verantwortung, ihre eigene Verpflichtung, die sie an Verbündete, Schutzbefohlene und Freunde in ihrem schützenden Rund fesselte und sie in die beschaulichen Gassen mit all ihren alltäglichen Sorgen und Herausforderungen sperrte. Ja, die Tore waren niemals fern, von keinem Ort in der Stadt, aber weder Aruna noch Wulfgar wäre jemals ernsthaft in den Sinn gekommen der Stadt unvermittelt den Rücken zu kehren und einfach in irgendeine Himmelsrichtung davonzureiten, wie sie es Jahre zuvor noch getan hatten, wenn Ferne, Abenteuer und die Schlachtfelder der Schwarzen Lande lockten. Etwas hatte sich verändert. Vieles. Alles. Aber inmitten der Wirren und des Kampfes um die Wildermark hatten sie auch zueinander gefunden. „Gut, dass du nicht für mich arbeitest. Außerdem wärst du sicher überrascht, wie viel strenger und herrischer als ich ein alternder, übellauniger Rondrageweihter sein kann.“ Ein kurzes Lachen entwischte ihren Lippen. Grimmige Genugtuung spiegelte sich jedoch in ihrem beiläufigen Schmunzeln, als ihr diese Erkenntnis offenkundig die Gewissheit einbrachte, dass der Bau vermutlich auch an diesem schönen, vielleicht dem letzten für die anstehenden Arbeiten nutzbaren Tag nicht ruhen würde. „Eldrinn hat berichtet, dass er beeindruckt davon war, wie weit ihr schon gekommen seid. Er hat sich wohl bei einer ausgiebigen mittäglichen Pause auf dem Weg nach Gallys mal die Zeit genommen und lustwandelnd bei der Baustelle vorbeigeschaut.“ Wulfgar schüttelte mit dem Kopf und knurrte in gespieltem Ernst. „Wir sollten wohl ein Ausgehverbot nach Gallys erteilen. Einflussreiche Zweimühlener teilen auffällig häufig das Lager mit Söhnen und Töchtern dieses Söldnerlochs. Aber vielleicht ist die Höhenluft auf dem Artema-Berg auch außerordentlich bekömmlich …“

Aruna schmunzelte, aber ihre verräterisch glitzernden Augen bezeugten, dass ihre Belustigung mehr von der Art seines Vortrags herrührte als vom eigentlichen Inhalt. Innerlich verfluchte er sich kurz, dass seine Erzählung zu der vermaledeiten Stadt abgeglitten war. „Ja, der Herr Vogt sollte diese Herumtreiber und Schwerenöter zur Ordnung rufen, bevor sie auf fremden Laken noch etwas Pikantes ausplaudern. Euer Gnaden könnte Hausarrest bekommen, damit kennt sie sich sicher aus … und Küchenverbot in der Burg. Und unser verehrter Herr Magus darf sich nicht mehr zu den Mahlzeiten in der Burg einladen, obwohl wir damit, wie ich fürchte wohl eher den armen Tjolf bestrafen als seinen verwöhnten Herrn.“ Das von ihrem göttergegebenen Ernst gezeichnete, aber dennoch vollkommen aufrichtige Lächeln, dass sie ihm mit ihren Worten schalkhaft zuwarf, war das Schönste, das er seit fast einem Mond an ihr gesehen hatte. Vielleicht … würde alles wieder auf seine gewohnten Pfade zurückfinden? Vielleicht tat er ihnen gut … dieser Ausritt. Der Ausbruch aus dem so vertrauten Alltag, den neuen und alten Gewohnheiten. Ein tiefes, polterndes Lachen entrang sich seiner Brust und er warf den Kopf in den Nacken. „Fürwahr … Herumtreiber …“ gluckste er vergnügt, dann zwinkerte er ihr zu und wandte sich über die Schultern ihrem farbenfrohen Geleit in spiegelnder Platte und Kette hinter ihnen zu. Unter den schmückenden Fahnen, Bannern, Wimpeln und Wappenröcken wahrlich ein Anblick für die Götter. „Bastan, reitet voraus und kündigt uns an. Wir wollen nicht unhöflich sein. Sagt Ihnen … Zweimühlen ist gekommen.“
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Nussschalen und Rohalskappen
Borkforst, 19. Travia 1033 BF

Rauschen erfüllte die Luft, ein leises Plätschern durchdrang den dünn bewachsenen Waldsaum des Borkfortes, immer wieder stieß der Beleman sanft durch die Kronen der Rotbuchen und Rosskastanien und tauchte den Wald in ein buntes Spiel aus fallenden, vielfarbigen Blättern. Der Boden war tief und feucht, der lange andauernde Regenfall der letzen Tage hatte den wenig Wasser führenden Knorrbach in einen munter sprudelnden und gurgelnden Bach verwandelt. Graf Hagen und Grimmerich standen ruhig nahe einer eng gewachsenen Baumgruppe im tiefen Sonnenlicht des noch frühen Tages. Zwischen dem Bachlauf und einem umgefallenen Baum ging Paske mit einem Tuchbeutel umher, der Blick war dabei auf den im leichten Nebel liegenden schattigen Boden gerichtet. »Es ist lange her dass ich Rohalskappen und Steinpilze gesammelt habe, es war wohl doch eine gute Idee mich auf einen kleinen Ausritt mitzunehmen, wobei du dabei sicher in erster Linie an die Sicherheit der Ländereien gedacht hast …« Er ging in die Knie um eine kleine Gruppe Pilze mit Hilfe eines kurzen, gekrümmten Messers einzusammeln und lachte scherzhaft auf »Ich hoffe wir vergeuden nicht zu viel Zeit mit dieser ungeplanten Ernte …«

Wulfgar zog begleitet von einem schmierigen Schmatzen seinen Reiterstiefel aus dem aufgeweichten Boden und ließ die Arme kreisen, während er die nach Harz, Regen und Moos duftende Waldluft genüsslich und mit tiefen Zügen in seine Lunge schwemmen ließ. Natürlich hingen in den Gassen Zweimühlens weder die Ausdünstungen hunderter Rinder noch die Wohlgerüche der wappenspendenden Schweine wie in Wutzenwald, aber die Luft unterschied sich dennoch merklich von allem, was der Wind so durch die Gassen der kleinen, von Leben erfüllten Stadt trug. »Wie kommst du darauf, dass ich eine Suche nach den Gaben der gütigen Göttin als Zeitverschwendung abtun könnte? Vielleicht haben wir ja Glück und finden einen wahren Waldmeister? Oder etwas Sauerklee, das bereichert jede Stulle mit Käse. Lediglich Pfeifenkraut bleibt uns hier wohl verwehrt.« Er schmunzelte und stapfte zu einer nahen Ansammlung von locker gestreuten Sträuchern, die wohl erst vor wenigen Monden damit begonnen hatten, sich aus dem Erdreich den Strahlen des Praiosmals, die durch die Wipfel brach, entgegenzurecken.
Seine Hand fuhr behutsam durch das Blattwerk und griff nach einem Stück des raschelnden rotgefärbten Schmucks, dass er sanft aus dem Gewirr löste und in seiner Handfläche begutachtete, ohne es von seinem Zweig abzutrennen. »Bluthasel … in meiner Heimat erzählt man sich, dass Ifirn sich in Zeiten der Not dem Leid der Tiere im tiefsten Winter erbarmte und versteckt, wenn der Blick ihres grimmen Vaters nicht auf ihr ruhte, einige Tropfen ihres Blutes in den Schnee fallen ließ, auf dass an genau dieser Stelle im kommenden Jahr ein neuer lebensverheißender Strauch sprießen sollte.« Er warf einen Blick zurück zu dem am Waldboden kauernden Magier. »Weißt du, Paske, wasdas Schöne an diesen Geschichten ist, die du jetzt gerade bestimmt im Stillen belächelst?«

»Himmel-Ork-und-Wolkenbruch!« entgegnete Paske fluchend, er erhob sich ruckartig wie von der Maraske gestochen, seine Miene war für den Hauch eines Augenblicks von Schmerz gezeichnet. Argwöhnisch betrachtete er seinen Zeigefinger und steckte ihn sich nach reiflicher Überlegung für einen Moment in den Mund um das aus dem kleinen Schnitt sickernde Blut zu saugen. Es dauerte nur wenige Wimpernschläge, bis der Halbelf wieder die Fassung zurückgewonnen hatte. »Wie meinen, ... ach ja, ... dass ein Funken Wahrheit in ihnen steckt, … man sagt ja auch die Weidener wissen zwar, wo dem Ork der Kopf abzuschlagen ist, aber sonst recht wenig von der Welt.« Er grinste leicht und betrachtete kurz seinen Finger und hob dann das Messer und die geschnittenen Rohalskappen vom Waldboden auf, um diese im Tuchbeutel sauber zu verstauen. »Nun etwas Zeit haben wir ja, um noch ein paar Schritte in den Wald zu gehen« Er deutete den plätschernden Bachlauf entlang in Richtung einer Anhöhe. Wulfgar zog fragend die Augenbrauen in die Höhe, ein verschmitztes Grinsen umspielte seinen Mundwinkel, während sein Blick Paskes Fingerzeig folgte. »Du bist wohl im Zorkforst noch nicht genug durch den Matsch gestiefelt, was? Aber was weiß ich einfältiger Weidener schon vom Leben außerhalb der vom Kaminfeuer gewärmten Mauern.« Obgleich er zugegebenermaßen nicht unbedingt der Richtige wahr, um vor dem Svelltaler seine Begabung als Wildniskundiger zu heucheln, belustigte ihn der Gedanke, dass es heute ausgerechnet den Magier nach einem Spaziergang im Wald verlangte, schätzte Paske doch nichts mehr als einen guten Wein und ausgezeichnete Lektüre in der warmen Stube. Vielleicht hatte sein Gefährte auch lediglich einen interessanten Zeitpunkt erwählt, um sich auf sein elfisches Erbe zu besinnen. Vermutlich tat er seinem Freund sogar Unrecht. Paske war nicht Eldrinn. Und dennoch schien er, dem Almadaner Magier nicht unähnlich, diese Seite von sich immer weit von sich zu weisen. »Und um meine Frage selbst zu beantworten, die du in Verweis auf eines unserer zahlreichen Talente abgebürstet hast: Das Schöne ist, dass Sie das Wirken der Götter in unserer Welt spürbar machen. Wer kann schon sagen, ob es wirklich so ist, aber allein der Gedanke daran, spendet Trost und Hoffnung. Deshalb bin ich auch ganz vernarrt in den Mond der Ernte. Anders als alle Orden, Titel oder Heldensänge ist das ein viel unmittelbarer Lohn für alle zurückliegenden Mühen und Anstrengungen.« Aufsteigende Gefühle der Bitterkeit und Kälte, die sich um sein Herz krampften, kämpfte Wulfgar nieder und verbarg sie sorgsam unter einem verklärten, abwesenden Lächeln, als er zu Paske aufschloß. »Pilze sammeln also?« Er legte einen lauernden, aber nicht unfreundlichen Unterton in die Frage, die er an seinen Gefährten richtete. »Ist es das, was den schwer beschäftigten Paske, der sich nur noch selten in der Grafenburg blicken läßt, dieser Tage so umtreibt?« Wulfgar stieß einen kurzen Pfiff aus und Socke, der gerade noch seine Schnauze in einem Kaninchenbau vergraben hatte, hob den schlammverschmierten Kopf und stellte, aufgeregt hechelnd die Ohren an. Er schien abzuwägen, ob er nicht lieber seinem Jagdtrieb nachgehen wollte und trottete dann, nach kurzem Zögern gemächlich an die Seite seines Herrn.

»Ach, dabei solltest doch gerade du dich dabei glücklich schätzen, oder ist dir im Moment etwa nach theoretischen Abhandlungen über die hochgradig komplexen und vielschichtigen arkanen Möglichkeiten wie man ohne einen Hammer einen Eisennagel in ein Brett schlagen könnte?« Feixend legt er ihm für einen Moment eine Hand auf die Schulter »Vielleicht finde ich neben den ganzen Gaumenfreuden auch einen seltenen Pilz, einer der mir das Repertoire an alchemische Rezepturen erweitert, ... warten wir doch einmal ab« Mit ein paar flinken Handgriffen verknotete er den halb gefüllten Tuchbeutel neben ein paar Beutelchen locker an seinem Gürtel, klopfte sich die schmutzigen Hände an der Robe ab und ging dann langsam voran. Ohne weiter ein Mann vieler Worte zu sein, ging er dann die Gedanken ordnend am Bachlauf entlang. Dabei balancierte er spielerisch Schritt für Schritt am steinigen wie schlammigen Rand des Wasserlaufes entlang, Unbekümmertheit lag in seiner Bewegung. »Und was mich beschäftigt, bei den Zwölfen mir war nur nach ein paar Stunden Sonnenlicht fern von allen Dingen, ... nicht das mich etwas bewegt oder Kummer umtreibt. Nur eben die Gedanken schweifen lassen, ... da musst du dir keine Sorgen machen. Und um ehrlich zu sein, muss auch nicht immer die ganze Grafenburg darüber informiert sein worüber sich zwei Freunde unterhalten ... in deiner Küche wird viel geredet.« Nach ein paar weiteren Schritten über den feuchten Grund blieb Paske dann wieder stehen »Aber vielleicht gibt es ja etwas das dich beschäftigt, ich weiß das Thema mag unangenehm sein, Esra erzählte ja schon, dass du eine mögliche Hochzeit in Aussicht hast, und auf der anderen Seite die Geschichte um Aruna, bei Rahja was für eine verzwickte Lage.«

Wulfgar schwieg und blickte Socke nach, der an einem aus dem morastigen Grund ragenden Ast zerrte, bis er ihn dem aufgeweichten Erdreich entrissen hatte und mit übermütigem Knurren triumphierend schüttelte wie einen frisch erlegten Hasen. Der Winhaller Wolfsjäger hätte durchaus auch vergeblich mit einer vom Regen freigespülten Wurzel rangeln können, von daher gönnte ihm der Weidener seinen Sieg, der ihm unter anderen Umständen sicher ein Lächeln entrungen hätte. Sein Gesicht war starr, wie eingefroren und ein Frösteln lief ihm den Nacken herab, als die klammen Hände seiner Erinnerung an der verriegelten Tür rüttelten, hinter der er die unzähligen, verwirrenden und aufwühlenden Empfindungen seit jenen Tagen im späten Ingerimm gesperrt hatte. Bilderfolgen blitzten kurz und gleißend vor seinem inneren Auge auf. Das Zelt, der Streit … seine Stiefel, die einen Schemen mit brutaler Wucht in die Knie zwangen, Schmerzen, flehende … brechende Worte … und der blanke Stahl in seiner Hand, der die jämmerlichen Klänge verstummen ließ. »Warum sollte es mir auch gleichermaßen vergönnt sein, meine Gedanken von derlei Unbill unbehelligt schweifen zu lassen …« seufzte er in aufgesetzter Gelassenheit, die seinen Ärger über die Frage nicht überzeugend zu verbergen vermochte. Nur ein Satz und er hätte die Diskussion fortgewischt … so wie alle anderen vor ihm. Aber er sprach ihn nicht aus, auch in der Furcht die schlummernden Geister zu wecken, die sich eingesperrt offensichtlich in ihr Schicksal gefügt hatten und schwiegen. »Ich bin mir nicht sicher, ob du von mir jetzt eine Antwort darauf erwartest, aber deine Einschätzung trifft den Nagel auch ohne Zuhilfenahme magischer Mittel auf den Kopf …« knurrte er unwillig und sein leerer Blick verlor sich im Dickicht, dass tiefer in den Wald wies. »Es gibt im Moment den Göttern sei Dank genügend andere Dinge über die ich mir den Kopf zerbrechen kann.« Seine Stimme klang hohl und von Müdigkeit gezeichnet. »Vielleicht kommt irgendwann die Zeit, in der wir uns wieder anderen Dingen als diesem lediglich ruhenden Krieg zuwenden können. Aber nicht jetzt.« Eine grimmige Entschlossenheit ergriff von seinen Zügen Besitz und er begegnete Paskes Blick mit einem kühlen Lächeln. Der junge Adept hielt dem Blick des Weideners ruhig stand, als würde er erst einmal eine weitere Reaktion abwarten. Das Unbehagen, das er durch sein Frage in Wulfgar offenbar auslöste, schien ihn für einen kurzen Moment zu verwundern, er seufzte kurz und erhob dann wieder die Stimme »Ich bin mir im Moment auch nicht mehr sicher ob ich eine Antwort möchte. « Die wenigen Worte klangen dabei etwas unsicher, er konnte wohl nicht abschätzen inwiefern ein ernsthaftes Gespräch in diesem Moment der unausgesprochene Angelegenheit Linderung verschaffen könnte. Mit gefassterer Stimmlage und einer versöhnlichen Wärme durchbrach er das unangenehme Schweigen.

»Verzeih wenn das Anrecht auf die Frage nicht verhanden oder der Moment falsch gewählt war.« Sein Blick löste sich wieder vom stolzen Krieger, der in diesem Moment eben wieder wohl seinen eigenen
Kampf für sich fechten wollte. Der Wind frischte in diesem Moment wieder auf, wie eine nicht greifbare Urgewalt stieß dieser durch die hohen Wipfel und fegte die noch wenigen Blätter vom Geäst der alten Bäume. Vereinzelte Verwirbelungen am Waldboden hoben die güldene Blätterpracht wieder vom Boden und trieben sie in die Höhe. Paske zog es wohl eben vor für einen Moment zu schweigen.

Wulfgar wusste nicht genau, ob es Bedauern oder sein schlechtes Gewissen war, dass in ihm aufstieg, aber er fühlte kein Verlangen danach sich jemandem zu öffnen, bevor er nicht mit Esra über seinen Verdacht hatte sprechen können. Jegliche Worte kamen ihm dazu ohnehin nur schwer über die Lippen, ja schnürte ihm der Gedanke daran sogar schon in einem Maß die Kehle zu, dass er fürchtete ersticken zu müssen. Er fürchtete den Moment, in dem er den Damm niederriss und das viele Ungesagte, was ihm auf der Seele brannte, entfesselte und es nur so aus ihm heraussprudeln würde. Alles würde zurückkehren … die Erinnerung, der Schmerz … die Machtlosigkeit … die Wut. So blieb ihm nichts anderes übrig als den Kloß in seinem Hals herabzuwürgen und sich in Schweigen zu hüllen. Nachdem Paske der malerischen Stille im herbstlichen Wald ebenfalls den Vorzug zu geben schien, richtete Wulfgar sein Augenmerk auf den im Schattenspiel glitzernden Bachlauf. Rechterhand und ein paar Schritt die Böschung hinauf, erspähte er einen immergrünen Strauch mit schätzungsweise fingerlangen Dornen und fahlweisen Beeren, der augenscheinlich sowohl den zunehmend kühleren Tagen also auch den weniger werdenden Sonnenstunden zu trotzen schien. Entgegen jeglicher Ansätze, bei denen man leichtfüßiger über die moos- und algenbedeckten aus dem gurgelnden Wasser emporragende Steine zum Überqueren des eiskalten Baches verwendet hätte, entschied er sich für den bei seiner Rüstung praktikabler wirkenden Ansatz. Er stapfte direkt durch die zahme Flut, die seine Stiefel umspülte und sich durch den vom Leder gewaschenen Schlamm in Flussrichtung verfärbte. Er griff nach der freigelegten, kräftigen Wurzel eines nahen Baumes und erklomm schnaufend den sanften Anstieg, der ihn das Gewicht der stählernen Platten abermals spüren und dauern ließ. Vor dem Gewächs ließ er sich auf das linke Knie sinken und legte den Kopf schief, während er den Strauch betrachtete, der sich so auffällig von dem umliegenden Gestrüpp unterschied. Er zog den Dolch aus der Scheide, ließ aber die führende Rechte noch auf den matt glimmenden Beintaschen auf seinem Oberschenkel ruhen. »Paske?« rief er in der Erwartung, dass ihm der Magier noch nicht durch den Bach gefolgt war, gegen das Plätschern des Wassers an.

Dem Ruf nach seinem Namen folgend setzte Paske über und stolperte dabei mehr schlecht als recht über die rutschigen Steine im Bachbett »Ja, was ist?« Nichts ahnend positionierte er sich im Rücken von Wulfgar. Sein Blick fiel erst ein paar Atemzüge später auf den Busch, vor welchem der Weidener nun kniete, gar an die zwei Schritt dürfte dieser Segen der Natur aufragen. »Na, sieh einer an, wenn ich mich nicht täusche, ist das ein Satuariensbusch, ein echter Glücksfund Wulfgar, dieser Strauch birgt bei Hesinde wohl auch mehr Geschichten und Weisheit als man glauben mag.« Auf seine lobenden Worte folgte ein Schmunzeln. »Er soll böse Geister, Wiedergänger und sogar Dämonen fernhalten.« Er deutete auf Früchte und das Blattwerk des Strauches. »Ich schlage vor wir nehmen uns einen Augenblick und sammeln eine handvoll Blätter und Früchte, ein Aufguss damit kann vor Krankheiten schützen - ein wahrer Segen der Herrin Peraine in den kommenden kalten Tagen.«

»Meinertreu ...« Wulfgar ließ einen kurzen anerkennenden Pfiff zwischen seinen Lippen entweichen, während sein Blick an dem Strauch emporkletterte. »Ein Satuariensbusch ...« wiederholte er fast andächtig und in fester Absicht, sich das neu errungene Wissen einzuprägen. »Lass mich raten. Es gibt keine Möglichkeit diesen eigenhändig irgendwo anzupflanzen? Sonst pflanze ich davon eine ganze Hecke um die Grafenburg und verteile getrocknete Beeren vor den namenlosen Tagen an alle, die Schutz in und um die Mauern von Zweimühlen herum gesucht haben.« Natürlich dachte er an die Nächte des Schreckens, die sternlose Finsternis in welcher der Finstermann wiedergekehrt war. Die letzte ... jene Nacht, in der ... Wulfgars Gedanken kamen ins Stocken, sein Herzschlag nahezu zum Erliegen.
Warum hast du es mir verschwiegen, Aruna ... .

Gedankenverloren wog er das Messer in seiner Hand, hoffte das Paske ihm nicht soweit zugewandt stand, dass er in seinem Gesicht zu lesen vermochte. Seine Maske war sein Schild, seine Wehr ... »Die Geister, die Dämonen und Wiedergänger ... was von diesem Busch hält sie fern?« murmelte er mit verräterisch gepresster Stimme, die mühsam die Worte in die Kühle der herbstlichen Luft schob.

Paske fuhr sich mit den Fingern der freien Linken grüblerisch über das glatte bartlose Kinn. Mit der rechten Hand den Blutulmenstab fest umschlossen stützte er seinen Körper leicht auf diesem ab um hier
an der ansteigenden Böschung sicheren Halt zu finden. »Ein Geistesblitz, der nicht abwegig erscheint, wenn das Frühjahr naht, könnten wir es versuchen, dein Talent bei der Feldarbeit wird da sicher Gold wert sein. Und genau zu bestimmen welcher Teil für diesen Schutzbann verantwortlich ist, fällt mir im Moment etwas schwer, ich würde jedoch die Vermutung aufstellen, dass ein hoher Grad an abschirmender Kraft im Gehölz dieses Strauches innewohnt. Wenn wir wieder zurück in Zweimühlen sind, kann ich gerne dazu den ein paar Schriften zurate ziehen. Vielleicht sollte ich aber auch eine grobe Analyse vor Ort durchführen.« Sein blauen Augen wanderten wieder zu Wulfgar, die Anspannung nahm er sichtlich wahr. Er atmete einmal tief durch »Willst du mit mir darüber sprechen?« Er fixierte Wulfgar, wohl wissend dass was auch immer hinter den Worten des Kriegers verborgen lag, sicherlich ein Gespräch alleine nicht zu lösen vermochte. Es wäre aber dennoch zumindest ein Anfang.

Der Weidener ließ ein freudloses Schmunzeln über seine Mundwinkel huschen. »Über die Analyse? Nein, ich denke ich vertraue auf die erste Einschätzung des gelehrten Herrn.« Seine im Lederhandschuh steckende Rechte begann sorgsam das auch hier den Waldboden bedeckende Laub um den schlanken Stamm des Busches herum beiseite zu schieben und er zog aus dem bunten Durcheinander einige wenige kurze, augenscheinliche von passierenden Waldtieren abgebrochene Zweige, an denen nur noch einige verschrumpelte Beeren und bereits verdorrte Blätter hingen. Dann schob er mit seiner rechten Hand behutsam die unteren Zweigreihen des Busches empor und suchte den Stamm nach weiteren angerissenen oder bereits abgeknickten Zweigen ab. Wulfgar wirkte fokussiert, ja entschlossen und Paske hatte gar den Eindruck, als hätte sich sein Ausdruck in Anbetracht der neu gefundenen Aufgabe merklich erhellt und die kurze Düsternis verbannt. Als er das Messer an einem abgeknickten Ast ansetzte, setzte er zu einem kurzen Reim an, der jeden seiner sorgfältigen Schnitte begleitete. »Gütige Herrin, Mutter der Saat … dir zu Ehr und Lob … es ist kein Pfad der Welt so steil, dass ihn nicht Blumen schmücken … nur das bleibt unser eigener Teil, dass wir sie dann auch pflücken …« Mit einem zufriedenen Lächeln befreite er den abgetrennten Zweig aus der Umklammerung der umliegenden Äste und begann ihn von den verbliebenen Blättern und Beeren zu befreien, die er vorsichtig in seinem, am Gürtel getragenen Saatbeutel verstaute. Dann raffte er das erbeutete Holz zusammen, ließ sich auf einem moosbedeckten Stein nur einige Schritt von dem Satuariensbusch entfernt nieder und breitete die Holzstücke auf seinem Knie aus. Das Messer versenkte er im weichen Boden neben seinen Füßen und zog aus einer seiner Gürteltasche eine kleine, grob geschnitzte Holzfigur hervor. Einen kleinen, etwas zu kurz geratenen Krieger oder Ritter in Rüstzeug, der den Griff seines klobigen Schwert an seine Brust gedrückt hielt, wie Paske schien. Der Blick des Hünen lastete für einen Moment fast liebevoll auf dem kleinen Schnitzwerk, dann beschlich Paske das Gefühl, dass Wulfgar dem Blick aus den kleinen hölzernen Augen nicht länger standhalten konnte, als er sich wieder den Zweigen zuwandte und die Figur neben dem aus dem Boden ragenden Messer, das er jetzt wieder hervorzog, auf das Laub bettete. Dann machte er sich daran die gesammelten Zweige zurechtzustutzen.

Wortlos, schweigend und nachdenklich saß er da und vertiefte sich in seine Arbeit. Und obwohl sich Paske der Sinn der Handlungen seines Gefährten nicht zur Gänze erschloß, war er sich dennoch sicher gerade Teil eines bedeutsamen Momentes für den Krieger geworden zu sein. Ohne lange zu zögern, gesellte Paske sich zu seinem Gefährten und machte es sich neben Wulfgar nahe des Steines auf einem entwurzelten Baumstamm gemütlich. Dabei wählte er seinen Platz so dass das ansteigende Praiosauge seinen Sitz mit wärmenden Strahlen erhellte. Neugierig verfolgte er die Zeremonie, welche eben noch in einer frühen Phase zu stecken schien. Da nun wohl ein Umstand der Ruhe und eine erste erholsame Pause vorgesehen war, fischte Paske ganz in Manier eines Lebemann seine langstielige Holzpfeife hervor, stopfte diese mit mildem methumischen Tabakkraut und fing an genussvoll zu schmauchen. In beständigen Abständen hingen nun dichte Rauchschwaden in der Luft, welchen ein würzig-süßer Duft anhaftete. »Was soll das werden, willst du da eben etwa aus den dünnen Zweigen einen Talisman flechten?« In seiner Stimme klang weder Spott noch Belustigung, es war der offene und freundliche Ton von jemandem, der seinen Gegenüber verstehen wollte.

»Einen Kranz, um mein wallendes Haar zu bändigen…« gab Wulfgar scherzhaft zurück, ohne innezuhalten oder seinen vertieften Blick von seiner Arbeit zu heben. Immer wieder hielt er die dünnen Holzstücke vor das fahle Licht, dass durch das Blätterdach schimmerte und schien deren Länge abzumessen. Wenn nötig, griff er wieder zu seinem Messer und die überschüssigen Reste der kurzen Stücke mischten sich unter das niedergetretene Laub um seine schlammverspritzten Stiefel. Ein zufriedenes Grunzen verkündete das Ende seiner Schnitzarbeit, aber das, was er dort auf seinem Schoß lose sammelte, glich eher den Teilen einer winzigen, vom tosenden Augrimmer umgewehten Palisade. Er fischte nach kurzem Kramen ein Knäuel Zwirn, das er sonst wohl für die gröbsten Ausbesserungen an seinen Gewändern auf der Reise zu nutzen pflegte, aus den offenbar unerschöpflichen Untiefen seiner Gürteltaschen und begann die Hölzer kleinteilig und stellenweise etwas umständlich zu umwickeln. Die Minuten verstrichen, ohne das Wulfgar ein weiteres Wort verlor. Ungewöhnlich genug für den sonst so geselligen und redseligen Krieger aus Baliho, aber sein Gesicht strahlte eine Ruhe und Friedlichkeit aus, die Paske so bei seinem Begleiter noch nicht bewusst wahrgenommen hatte. Dennoch spürte er, und wenn es nur das leichte Zittern der Finger des Recken war, dass dem Magier verriet, dass Wulfgar gegen etwas ankämpfte. Als er den Garn wieder verstaute, tauchte die Glut des sich am Horizont herabneigenden Praiosmals den Wald in ein feuersattes Farbenspiel, dass sich an den zahllosen Rot- und Gelbtönen der Baumwipfel, der fallenden und bereits gefallenen Blätter labte und mit diesen zu einer glühenden Pracht verschmolz. Wieder erkannte der Lowanger die Erschöpfung und Kraftlosigkeit, welche die bartumrahmten Züge des Zweimühlener Vogtes ausstrahlten, als sich sein Blick zwischen den umstehenden Bäumen verlor, in unbekannte Ferne starrend. »Früher, als ich noch ein kleiner Knirps war, der seiner Schwester überall hin folgte, haben wir manchmal Nussschalen am seichten Ufer in den Pandlaril gesetzt und sind ihnen, soweit wir konnten, nachgelaufen.« Das ferne glucksende Lachen von Kindern hallte durch seine Erinnerungen. Wie die Stiche dutzender winziger Dolche, die jede Stelle seines Körpers fanden, der nicht mit mattem Stahl bedeckt war. »Wir haben uns immer gefragt, ob es an der Mündung des Flusses bei Trallop wohl jemanden gab, der sie alle herausfischen würde, bevor sie auf den Neunaugensee hinaustrieben. Ardariel hat gemeint, dass die Fischer eines Tages von einer neuen Insel im See erzählen würden, die über und über nur aus den Nussschalen der Kinder entlang des Pandlaril bestehen würde.« Ein bitteres Lächeln schlich sich auf Wulfgars Lippen. »Sie hat mir versprochen, dass wir eines Tages mal dorthin rudern würden, wenn sie erst das Ungeheuer im See selbst bezwungen hätte.« Er schluckte schwer. »Damals haben wir noch die Ungeheuer gefürchtet … die Drachen … die Oger … Riesen und Dämonen.«

Er richtete sich auf und seit langer Zeit begegnete sein Blick wieder dem seines Begleiters. Tiefer, unausgesprochener Schmerz spiegelte sich in seinem im Leuchten des Waldes dunkel glühenden Augen. »Kein Ungetüm … keine Sagengestalt … hat mir jemals diese Schmerzen zugefügt. Ein Leben, das erlischt, bevor es sein Licht in unsere Leben werfen kann, hinterlässt Dunkelheit in meinem Herzen … Leere, Schwärze … die kein Feuer erhellen kann.« Er bückte sich nach der kleinen Holzfigur, die dort im Moos noch auf dem Stein lag und drehte sie nachdenklich zwischen seinen behandschuhten Fingern. Paske schluckte schwer, all die klugen Worten und Ratschläge, die sonst in seinem Kopf kreisten waren wie fortgeweht, und selbst wenn er sie zu fassen bekommen hätte, welchen Sinn würden sie ergeben? Diese Offenbarung ließ einen Kloß in seinem Hals anschwellen. Nur langsam setzte er an, seine Worte waren leise und er kam ins Stottern. »Ich, ... ich, ... du, ... du« Es war ihm anzumerken, dass er sich hilflos fühlte. Was sollte er nur sagen oder tun? Was konnte er tun, konnten seine Worte doch niemals dem Leid und Verlust Wulfgars in irgendeiner Form gerecht werden. So erhob er sich und trat an Wulfgars Seite, seinen rechte Hand legte er dabei vorsichtig auf die Schulter des Kriegers, er wollte ihm in diesem Moment keine Umarmung aufzwingen, also ließ er diese dort trostspendend ruhen. Er setzte abermals an und zwang alles, was er an Kraft aufzubringen vermochte in seine Stimme. »Ich bin und werde für dich da sein, mein Freund. In jeder Form in der ich dir meine Hilfe angedeihen lassen kann. Meine Vorstellungen können sicher nicht den Schmerz fassen welcher durch deinen unglaublichen Verlust in dir brennt. Also sprich mit mir, wenn du kannst und teile deinen Schmerz.« Wulfgars nickte langsam, während sich seine Schultern mit dem tiefen Atemzug, den er nahm um sich zu sammeln, hoben und senkten. Aus seinem schwachen Lächeln sprach die Dankbarkeit für Paskes Worte. »Wie viel tiefer muss der Schmerz noch bei Aruna brennen … wie viel dunkler noch die Finsternis, die Leere … in ihr selbst sein. Und ich kann ihr nicht die Hilfe zuteilwerden lassen, die sie braucht, weiß ich doch kaum selbst wie ich das Loch in meiner Seele wieder aufschütten kann.« Sein abwesender Blick schien aus den Erinnerungen, in denen er geschwelgt hatte, zurückzukehren und richtete sich auf die kleine Ritterfigur. »Ich habe keine Ahnung, ob sie einen Junge oder ein Mädchen unter ihrem Herzen getragen hatte, aber es erschien mir naheliegend, dass sie einst wie wir eine Rüstung getragen hätte.« Er rang hörbar mit den Worten, die sich über seine Lippen quälten. Seine Augen schimmerten glasig. »Verstehst du, ich wusste nicht einmal, ob ich einen Jungen oder ein Mädchen schnitzen sollte … ich wollte mir vorstellen, wie es wohl gewesen wäre … noch Stunden nach meinem Streit mit Aruna saß ich brütend in einem Wäldchen vor Talf und versuchte nach den unzähligen Momenten zu greifen, die man uns genommen hatte. Splitter dieser Zukunft aufzuklauben, zusammenzustecken und mir auszumalen, was wohl gewesen wäre, wenn …« Er verstummte und schloß die Augen. Sammelte sich für einige Augenblicke, bevor er sie wieder aufschlug. »Ich kann Aruna nicht heilen, keiner kann das. Und manchmal frage ich mich, ob ich überhaupt einen Anrecht auf diesen Schmerz habe, da ich doch selbst das neue Leben niemals an meiner Brust,auf meinem Arm spüren durfte … dass ich nicht einmal geahnt habe, dass zwei Herzen nun in Aruna schlugen, wenn wir beisammen lagen. Sie hat es gespürt, gefühlt, wie es wächst … das kleine, unschuldige Leben.« Seine Stimme stockte.

»Aruna hat es gewusst, Esra hat es gewusst … nur ich in meiner übersprudelnden, unbedarften Art habe weder die Zeichen erkannt noch das Geringste geahnt. Und jetzt fühlt es sich an, als hätte jemand ein großes Stück aus meinem Herzen geschnitten. So viel, dass ich gar nicht weiß, wie es möglich sein soll, das es immer noch schlägt.« Wulfgar legte die um die Holzfigur geschlossene Hand auf seine linke Brust und senkte den Blick. »Weißt du, Paske, mein Schwertmeister hat mich immer gewarnt, dass ein einziger ungezielter und die schützenden Ketten durchbrechender Pfeil, der im Zufall mein Herz durchbohrt, mein Leben beenden kann. Hier und jetzt … Vom einen auf den anderen Wimpernschlag … Das hier fühlt sich so an.« Er pochte mit der Faust gegen den matten Harnisch seiner Rüstung. »Aber ich stehe noch. Weil es alle von mir erwarten. Weil Zweimühlen und die Wildermark uns brauchen. Doch dieser niederhöllische Schmerz … er bleibt. Und in jedem Moment der Einsamkeit, Ruhe oder Rast wird er stärker. Wenn ich in Arunas Augen blicke … wird er stärker. Wenn ich Kinderlachen durch die Straßen hallen höre … oder mich in Erinnerungen flüchte …« Er brach ab, sein Gesicht verzerrt vom Kampf gegen die Tränen, die ihm in die Augen stiegen. Unvermittelt fasste sich der Weidener wieder und zog in einem trotzigen Aufbäumen seiner ruppigen Art die Nase hoch. Ein Teil der Düsternis schien von ihm abzufallen, als er auf der geöffnete Linken das kleine Floß wog und die Ritterfigur sanft, fast zärtlich in dessen Mitte bugsierte. Er flüsterte beinahe, als er mit kraftloser Stimme das nur von den Geräuschen des Waldes durchspülte Schweigen durchbrach.

»Ich … konnte nicht einmal Abschied nehmen. Von unserem Sohn … unserer Tochter, als sie … oder er die Reise über das Nirgendmeer antrat. Aber ich habe die Hoffnung, dass er … sie es hören … oder spüren kann … wenn ich unseren kleinen Ritter dem Bachlauf übergebe, dessen hüpfende Wellen ihn in den ewigen Schlaf schaukeln sollen …« Unerwartet durchbrach ein warmes, hoffnungsvolles Lächeln seine grüblerische Ernsthaftigkeit, dass ihn in diesem Moment nicht weniger verletzlich wirken ließ, aber von seiner tiefen Entschlossenheit kündete. »Geschützt vor Geistern, düsteren Träumen und der Angst. Etwas, dass unser Kind wissen läßt, dass wir da sind und eines Tages zu ihm zurückkehren werden.« Paske löste seine Hand wieder von Wulfgars Schulter und sein Blick glitt zu dem sich friedlich durch sein abgesunkenes Bett schlängelnden Bachlauf. Er begleitete Wulfgars Worte dann und wann mit einem beipflichtenden Nicken und schien, andächtig in den geweckten Gedanken versunken, zu begreifen. »Dann soll es so sein, ... lass uns an diesem Tag, in dieser Stunde einen Anfang wagen um den Schmerz verblassen zu lassen. Und lass uns ehren und behüten was war und sein wird ... der Gedanke an das Kind, ein Geschenk der Götter ...« Seine Stimme war leise und einfühlsam. »Ich bin mir sehr sicher, dass aus deinem Kind ein großer Kämpfer geworden wäre.« Die Sätze fielen ihm sichtlich schwer und krochen nur zögerlich über seine Lippen, während er damit rang den Frieden dieses stillen Momentes jetzt nicht mit unbedarften, unbedachten Äußerungen zu stören. Soll doch nun der Anfang gewagt werden, dass die fürchterlichen Ereignisse um diese Tragödie vergehen … ja, langsam verblassen können. Er ging ein paar Schritte und lauschte in das Rauschen des Baches. Die gesammelten Rohalskappen in seinem Tuchbeutel waren schon längst in Vergessenheit geraten. Ein Geschenk der Götter, wiederholte Wulfgar nachdenklich in seinem Geist. Ja, das und nichts anderes war ihr Kind wohl gewesen. Er hob sein Haupt und blickte durch eine der ungezählten Lücken in den Baumkronen, die sich im Wind wiegten und durch die das von den vorherrschenden Rottönen verfärbte Blau schimmerte, himmelwärts. Insgeheim wünschte er sich, dass die Zwölfe ihm eines Tages eine Antwort auf seine drängendste Frage geben würden, aber er war sich bewusst, dass sie ihm keinerlei Rechenschaft schuldeten … nur warum hatten sie ihnen dieses Geschenk wieder genommen? Ihm diesen Teil seines Herzens herausgetrennt … gerissen? Seinen Verstand mit Hilflosigkeit und Trauer gelähmt? Ja, ihn sogar zornerfüllt zweifeln lassen … Er wusste es nicht, verstand es nicht … würde es wahrscheinlich niemals erfahren … Aber im Tode gab es nur eine Gewissheit. Dass alles, jeder Funke, endlich war.

Ihm blieb nur seine eigene Vermutung davon, was die Zwölfe ihm vermitteln wollten. Aber alles davon konnte seinen Geist, seine Entscheidung in diesem Moment weder eintrüben, noch das sanfte Lächeln
von seinen Zügen vertreiben, das liebevoll auf dem kleinen Floß in seinen Händen ruhte. Noch, geliebtes Kind, bleibt es mir verwehrt dich kennenzulernen, aber es gibt etwas … einen Abdruck davon, wer ich
bin, den ich dir mit dem Flüstern der Fluten schicken kann. Ganz gleich, wie weit du von uns entfernt bist. Damit du weißt, wie gerne ich dir der Vater gewesen wäre, der einst mein Vater für mich war. Grüße Avon herzlich von mir. Er ist … war ein hervorragender Geschichtenerzähler und so hoffe ich, dass du eine Ewigkeit auf seinem Schoß in seiner Umarmung verbringen kannst, während du seinen Geschichten über die Orte lauschst, die auch dir eine Heimat gewesen wären. Und irgendwann … Wulfgar schlug die Augen nieder und ließ seinem Blick dem Bachverlauf folgen, bevor er sich im Gestrüpp und Dickicht stromabwärts verlor … komme ich nach und bringe neue Geschichten mit.

Verstohlen verdrückte er sich eine Träne, die sich zwischen seinen Lidern auf seine Wange geschlichen hatte und nickte Paske zu, der selbst grübelnd und ergriffen am Rand der Senke stand, durch die sich der Knorrbach seinen Pfad durch den Wald gegraben hatte. Dann begann er vorsichtig Schritt um Schritt mit dem Abstieg, um sein spätes Geschenk den wispernden, glucksenden Fluten zu übergeben.
Session: Herbstliche Ehren - Monday, Nov 13 2017 from 1:00 PM to 5:00 PM
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