Heimkehr
Die hölzernen Dielen knarzten unter seinen Stiefeln, als er durch die, mit feinen Schnitzereien und Glaseinlassungen verzierte Tür nach draußen trat. Der frische Wind, der vom Pandlaril her an der nahen Außenmauer emporstieg, vereinte sich hier mit der tobrischen Brise, die von der Schwarzen Sichel her über das Land strich. Feiner Blütenstaub bedeckte das weiß getünchte Geländer der Veranda, als sich seine ledernen Handschuhe darum schlossen und er sich auf dem hölzernen Querbalken abstützte, um das Treiben auf der Herzöglichen Straße zu beobachten, die hier ohne sichtbaren Übergang mit der Reichsstraße gen Süden verschmolz. Der Duft der Blumen, die in voller Blüte die Töpfe vor dem Eingang des Hotels Pandlaril mit Farben und leuchtendem Leben erfüllten und sich leicht im Windhauch regten, erfüllte die Luft. Ein leichtes Schmunzeln glitt über seine Lippen, als der drehende Wind den Stallgeruch unzähliger Rinder durch das Südtor in seine Nase trug, den Paske nicht müde wurde zu jeder Gelegenheit zu erwähnen. Er störte ihn nicht, ebenso wenig wie der beißende Geruch des billigen Knasters, den der blonde, sommersprossige Bursche an einen der Stützpfeiler gelehnt, nur wenige Schritt von ihm entfernt schmauchte.

Die Glieder seines meisterhaft gearbeiteten Toschkril-Kettenhemds klimperten leise, als er sich streckte und mit langsamen Drehbewegungen seines Kopfes seinen Nacken lockerte. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte er wieder den weißen Wappenrock angelegt und über seiner Brust spannte sich umrahmt von einem gleichfarbigen Schild der schwarze stürzende Falke, der mit angelegten Flügeln und vorwärtsgeworfenen Krallen nach unsichtbarer Beute griff. Er hatte die Farben seines Hauses lange nicht getragen. In der Wildermark … außerhalb Weidens maß man Ihnen wenig Bedeutung bei und er war auch schon Rittern begegnet, die sein Wappen nicht erkannt hatten. Es fehlte die goldene Borte mit den goldenen Kugeln, die heraldische Abbildung des Orden vom Blute, die Ardariel ums Wappen trug und hier auch am Tor, das zur Südstadt führte, nur träge im Wind bebte. Er selbst führte das unverfälschte urtümliche Wappen der Nordfalks, dass sein Vater selbst fast ausschließlich auf Turnieren getragen hatte, die er aufgrund der unruhigen Zeiten, auf die sich sein Wirken beschränkte, nur selten besucht hatte. Der Kampf gegen die Answinisten, die Schwarzpelze und das Jahr des Feuers, ein Leben im Schatten der vielen Konflikte … das er aber, wann immer seine Pflichten es ihm erlaubten in der alten Feste über Moosgrund bei seiner Schwester und ihm verbracht hatte.

Er sah zwei schmutzigen Gestalten mit dreckverkrusteten Stiefeln und staubigen Gesichtern dabei zu, wie sie ihre Pferde an den schweren Messingringen am Brunnen neben der Straße vertäuten und sich gestenreich unterhielten. Der Mann, ein schlacksiger, fast hager zu nennender Kerl mit dunklen, schulterlangen Haaren und einem nicht ganz gleichmäßig seine dreckstarrenden Wangen bedeckenden Bart zog die Handschuhe von den Händen und klopfte sie an seiner abgewetzten Wildlederhose ab. Zeitgleich entrang sich ein grobes, aber deshalb nicht weniger aufrichtiges Lachen seiner Brust, während seine Begleiterin mit den blonden, von der Sonne ausgebleichten Haaren und der niedlichen Stupsnase mit fröhlich glitzernden Augen eine Geschichte, eine Zote, einen Witz, was er alles von hieraus nicht hören konnte zum Besten gab, während sie zeitgleich einen Eimer aus dem Brunnen nach oben zog. Er betrachtete sie nachdenklich. Abgenutzte Lederkluft, breitkrempige Strohhüte, die sie auf den langen Ritten vor dem zunehmend durchdringenderen Blick von Praios flammendem Auge schützten.

Handbeile in Axtgehängen an den Satteln der Pferde und schwere Dolche an den Gürteln. Die Packtaschen aufgebläht, ausgebeult von allem, was man auf einer tagelangen, ja wochenlangen Reise so brauchen konnte. Am Sattelknauf des Pferdes des Mannes baumelte noch der frisch erlegte Hase, den er wohl noch auf dem Weg in die Stadt geschossen hatte. Ein hartes, unerbittliches Leben … das hatten die Stimmen in den Absteigen, den Kneipen der Viehtreiber immer verkündet, die meisten davon gehörten aber den Rinderhirten selbst. Ein freies Leben? Nein, eher die Weite des Weidener Landes vor sich und dennoch die Gewissheit die kühle Kette zu spüren, an der die Rinderbarone sie an die Herden und ihren Zug fesselten. Was nützte die Freiheit, die ein Pferderücken versprach, wenn man sie nicht auskosten konnte … sich nicht überall hinwenden und reiten konnte, wohin Aves einen lockte? Seine Mundwinkel krümmten sich zu einem schiefen Lächeln, auch er hatte seine Freiheit, das größte Geschenk seiner Entscheidung gegen den Werdegang eines Weidener Ritters eingetauscht … abgegeben, ja vielleicht besser … eingeschränkt. Gegen Zweimühlen.

Eine Entscheidung, die er nicht bereuen konnte, ganz gleich wie sehr er es versuchte. Auch gemessen an dem, dass sie alle einen Preis dafür bezahlt hatten. Nichts war umsonst, aber wenig fühlte sich besser an als die Erkenntnis um das, was sie taten. Für die Kaiserin … das Reich … und für die Menschen. Die Wildermark.

Und jetzt, hier, an diesem Ort schien es, als hätte Satinav diesen Ort auf seinen Reisen übersehen, vielleicht gar gemieden. Etwas von dem erhalten, was sich seit einem Dutzend Götterläufe unberührt vor der Schwelle des Hotels Pandlarin ausbreitete. Ganz so als würde die Zeit stillstehen. Eine Reise in seine Vergangenheit. Lediglich der Blickpunkt hatte sich geändert. Damals war er ein Teil Balihos gewesen … heute kehrte er zurück als Reisender. Doch die Menschen, die sich hier über die Hauptstraße drängten, schien es nicht im Geringsten zu stören. Er war nur ein kleines Rad in diesem Mühlwerk und solange er nicht zum Grund wurde, warum das Räderwerk in Stocken und Rattern geriet, war er einer von ihnen. Das liebte er an Weiden. Paske schob sich an ihm vorbei, seine Satteltaschen geschultert und pfiff leise ein fröhliches Liedchen, während er auf den Stall zuhielt, in dem Grimmerich und die anderen standen. Esra folgte ihm in ihrer bunten, an den Ärmeln hochgekrempelten Robe und vereinzelte Wortfetzen ihres Tuschelns wehten zu ihm herüber, die sich allerdings im Gemurmel und Lärmen der Gassen verloren. Es war an der Zeit. Er stemmte sich hoch, schritt zur Tür und griff um den Rahmen herum nach den Packtaschen, seinem in Leder eingeschlagenen Zweihänder und wuchtete die schweren Beutel vom knarzenden Boden hoch. Sie waren auf dem Weg. Nach Hause. Zu dem Ort, an dem er das Licht Deres erblickt hatte.

Zu dem Ort, den er damals ein Knirps in Leder und Leinen im Sattel vor seinem Vater sitzend verlassen hatte. Und zu dem er jetzt unter dem Banner Zweimühlens wieder zurückkehrte.
Session: Wind in den Weiden - Moosgrund - Monday, Jun 11 2018 from 6:00 PM to 9:30 PM
Viewable by: Public
0 comments
Tags: Background
Epic!